All we have is now! - Enjoy your life and have a nice day!

Nachgedacht & Reingefühlt

Der Geist wird reich durch das, was er empfängt,
das Herz durch das, was es gibt.

                              (Victor Hugo)                       
 
Patanjali war ein indischer Weiser
und der Verfasser des Yogasutra,
des klassischen Leitfadens des Yoga,
weshalb er auch als „Vater des Yoga“
bezeichnet wird

Leiden bezieht sich gewöhnlich darauf, dass Dinge anders sein sollen, als sie sind.

Lebe im Jetzt


Was wolltest du schon immer einmal tun?

Das kennst du sicher auch. Die Zeit rast an dir vorbei, und du wolltest noch so vieles erleben. Aber dann kam die Beziehung, der Beruf, die Kinder, die Eltern und noch viele andere 1000 Dinge dazwischen …
Insgeheim weißt du aber, dass die genau jetzt ist, wann due diese Dinge erleben willst und noch kannst.

Also! Schreibe deine ganz persönliche ´Diese Dinge tue ich noch, bevor es dafür fast zu spät ist´ Liste.

Minute 1 – 6:
Liste hier all die verrückten Erlebnisse auf, die du noch erleben willst.
Zum Beispiel: Ich mache den Motoradführerschein Ich besuche einen Tango-Tanzkurs. Ich male ein Bild. Ich verbringe eine Nacht am Strand, reise mit dem Fahrrad durch Kambodscha. Ich umarme einen Elefanten. Lerne auf den Malediven tauchen. Schwimme mit Delfinen. Ich mache mit dem Kanu eine Wildwasserfahrt. Besuche ein Yoga-Retreat. Fahre mit Freunden nach Las Vegas.

Schreibe alles auf, was dir spontan dazu einfällt. Gleichgültig, ob es jetzt im Moment für dich erreichbar ist oder nicht. Begrenze dich nicht. Hier geht es um deine pure Lebensfreude.

 

Tipp: Vereinbare mit dir, diese Liste Punkt für Punkt zu verwirklichen – völlig gleichgültig, wie lange du dafür brauchst. Wichtig ist nur, dass du beständig und konsequent dranbleibst.
Eines Tages wirst du aufwachen und es wird nicht mehr viel Zeit sein, all die Dinge zu tun, die du tun wolltest. Darum: Tu sie jetzt.

(aus „Erfinde dich neu“ von Pierre Franckh, arkana Verlag)

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Ich erlaube mir mit Leichtigkeit zu leben. – Einfach loslassen

Negative Überzeugungen und Gefühle können uns in unserer Entwicklung bremsen.
Mit einem schweren Rucksack voller Sorgen, Zweifel und Ängste läuft es sich nicht so gut. Und genau so einen emotionalen Rucksack tragen viele von uns mit sich herum. Um einiges davon loszuwerden, nutzen wir in dieser Übung die >Lieblingsmethode< unseres Gehirns: die Bildsprache.

Minute 1 - 3:

Nimm ein Blatt Papier zur Hand, zeichne dich selbst und schreibe deinen Namen über die Figur. Nun zeichne einen übergroßen Rucksack, den du auf den Schultern trägst. In diesen Rucksack schreibst oder malst du alles hinein, was dich belastet.

Minute 4 – 5:

Nachdem du alles notiert hast, nimmst du jetzt einen Rotstift und streichst ganz bewusst jedes Wort, jedes Symbol durch – und sagst während dessen innerlich oder laut zu dir selbst: Das ist jetzt vorbei! Tue es mit Nachdruck und fester Absicht.

Minute 6:

Jetzt nimmst du die Schere und schneidest dir den Rucksack von deinen Schultern. Auch diese Aktion wird von einer kraftvollen Affirmation begleitet: „Ich erlaube mir, mein Leben in Leichtigkeit zu leben.“
Spüre die Erleichterung, wenn du diese Dinge loslässt – und spüre die Freude, die sich in dir entwickelt. Zerreiße nun den Papier-Rucksack in kleine Schnipsel und schmeiß ihn weg.

Tipp: Wenn du die Übung für lange Zeit verstärken und bekräftigen willst, dann wiederhole die folgende Affirmation: „Ich erlaube mir, mein Leben in Leichtigkeit zu leben.“

(aus „Erfinde dich neu“ von Pierre Franckh, arkana Verlag)

Warum vergessen wir eigentlich, dass wir bereits so viel können?

Wir lernen von Tag zu Tag, entwickeln uns weiter und können immer mehr.
Darauf sollten wir stolz sein. Und sind es dennoch nicht, weil die vielen Erfolgserlebnisse und schönen Erfahrungen für uns so selbstverständlich geworden sind, dass wir nach kurzer Zeit nicht mehr wissen, dass sie uns einmal viel abverlangt haben.
Weiterentwickeln können wir uns nur, wenn wir daran glauben, es schaffen zu können.
An diese Möglichkeit glauben wir aber nur, wenn wir uns wieder erinnern, was wir bereits alles können und was wir bereits alles gelernt haben.

 6-Minuten Übung

Minute 1 – 5:
Nimm ein Blatt Papier zur Hand und schreibe all die vielen Dinge auf, die du bereits kannst. Alle Fähigkeiten, die du dir im Laufe des Lebens angeeignet hast. Zum Beispiel: sprechen, gehen, laufen, Fahrrad fahren, tanzen, schreiben, lesen, einen PC bedienen, Auto fahren, telefonieren …

Minute 6:
Jetzt hast du eine Vorstellung davon, was du alles kannst. All das hast du dir erarbeitet. So viel Konzentration, Übung, Beharrlichkeit und auch Mut hast du bewiesen. Immer wieder bist du hingefallen, immer wieder bist du aufgestanden. All das hast du gelernt, gemeistert, geschafft.

Tipp: Sieh dir deine Liste immer wieder an, wenn du mutlos bist und glaubst ´nichts ´zu können. Mit deiner Liste verbindest du dich mit dir und deiner Kraft – wenn du es bis hierher geschafft hast, dann kannst du es noch viel weiter schaffen.

(aus „Erfinde dich neu“ von Pierre Franckh, arkana Verlag)

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Die Macht der positiven Gedanken

Psychologen haben herausgefunden, dass uns täglich etwa 60 000 Gedanken durch den Kopf gehen. Die meisten von ihnen denken wir unbewusst. Der modernen Psychologie zufolge sind unsere Gedanken, wenn wir ihnen keine klar zielorientierte Richtung geben, eher negativer Natur. Diese negative Tendenz bemerken wir gar nicht. Wir haben uns viel zu sehr an sie gewöhnt, als dass sie uns noch sonderlich auffiele.
Die meisten Menschen unterschätzen den Einfluss von negativen Gedanken. Dabei spüren wir durchaus, wie negative Gedanken uns fertigmachen können. Wie wir durch sie wütend werden, uns ohnmächtig fühlen oder klein und hilflos, manchmal auch ausgeliefert. Vor allem aber verhindert diese Negativität, dass wir neue Dinge wagen oder uns auf andere Menschen einlassen.
Positive Gedanken dagegen führen und leiten uns in eine positive Richtung. Wir trauen uns wesentlich mehr zu, fühlen uns wohl, sind ausgeglichener und selbstbewusster. Sei helfen uns, bewusster am Leben teilzunehmen und viel mehr wahrzunehmen. Sie erweitern unseren Wahrnehmungsfilter. Wir haben in der Tat weit mehr konstruktive Möglichkeiten zur Verfügung, als uns bewusst ist. Eine positive Grundeinstellung ist eines der wesentlichsten Dinge für einen Neuanfang.

Alle Meinungen und Sätze über uns oder andere sind Abschlussbefehle für unser Gehirn. Unser Gehirn richtet seine Wahrnehmung genau auf diese Gedanken aus, um unsere Erwartungen zu erfüllen. Wir denken uns regelrecht in eine Welt unserer Erwartungen hinein.

Das Gehirn arbeitet wie ein Computer

Unser Gehirn arbeitet alle Befehle ab, die man ihm gibt.
Gedanken sind für unser Gehirn sehr klare Befehle. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir sie bewusst oder unbewusst denken, ob sie automatisch ablaufen oder einfach nur eine Gewohnheit geworden sind, ob sie positiven oder negativen Charakter haben. Wenn du wissen willst, welche Befehle du deinem Gehirn bis heute gegeben hast, dann sieh dir einfach an, in welcher Welt du gerade lebst. Sie ist das Resultat deiner bisherigen Gedanken.

Die beste Zeit für die kleinen 6-Minuten Übungen (eine folgt im Anschluss)

Natürlich können wir die Übungen immer und überall machen. Und dennoch gibt es eine Zeit, die ideal dafür ist. Die Hirnforschung hat herausgefunden, dass alles, was wir am Tag erfahren oder lernen, was wir hören oder denken, nicht tagsüber gespeichert, sondern erst in der Nacht in unser Gedächtnis eingelagert wird.
Die Hirnforschung weiß inzwischen auch, dass ich alles, was wir kurz vor dem Schlafengehen tun oder erleben, noch wesentlich stärker in unser Gedächtnis vertieft.

Auch Fragen, die während der kleinen Übungen entstehen, kann unser Unterbewusstsein im Schlaf dann bearbeiten. Wir geben unserem Schlafbewusstsein auf diese Weise den Auftrag, weiterhin nach Antworten zu suchen.
Nicht umsonst gibt es auch den Spruch, erst einmal eine Nacht darüber zu schlafen. 

 

1.     6-Minuten Übung

Was macht Dich glücklich?

Wenn wir nicht wissen, was uns glücklich sein lässt, tun wir uns schwer, geeignete Ziele zu finden. Wir wollen dann zwar von etwas weg – aber nicht zu etwas hin. Das ist ein großer Unterschied. Der schnellste Weg herauszufinden, wonach wir uns sehnen, was unsere stillen und geheimen Wünsche sind, ist die Beantwortung der Frage nach dem persönlichen Glück. Also was macht dich glücklich? Liebe, Anerkennung, Respekt? Ist es eine Tätigkeit? Ein Beruf? Eine Partnerschaft?

Minute 1 – 4:
Zeichne dich als Strichmännchen in die Mitte eines Blattes und schreibe deinen Namen darüber. Konzentriere dich nun ganz bewusst darauf, was dich glücklich macht und schreib es um dich herum auf. Sei mutig!

Minute 5:
Betrachte deine Zeichnung in aller Ruhe. Das bist du. Das sind deine Sehnsüchte. Bewerte sie nicht. Du lernst dich ja gerade erst kennen. Vielleicht bist du überrascht, dass sich etwas gezeigt hat, das du jahrelang vergraben hattest …

Minute 6:
Vereinbare mit dir selbst, dass du alle Punkte auf deiner Zeichnung, in deinem Gedächtnis behalten wirst. Das ist so, als ob du deinen inneren Scheinwerfer ab jetzt nur auf die Dinge richtest, die dich glücklich machen.

Tipp: Beginne den Tag gleich nach dem Aufstehen mit der Beschäftigung deines „Glücksmännchens“ Denke dich jeden Tag in einen deiner Glücksaspekte hinein und bejahe sie in Gedanken. Fühle einfach, wie schön es ist, wenn sie in deinem Leben stattfinden. Das Hineinfühlen ist ein ganz wesentlicher Aspekt, um unser Gehirn auf Erfolg zu trainieren.

(aus „Erfinde dich neu“ von Pierre Franckh, arkana Verlag)

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Für eine Frau, die alle Frauen ist

Als mich mein norwegischer Verleger anruft: Die Organisatoren eines Konzertes zu Ehren der Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi bäten mich um einen Text für diese Veranstaltung.

Ich empfinde das als eine Ehre, der ich mich nicht verweigern kann, zumal Shirin Ebadi ein Mythos ist: 1,50 Meter große Frau, die aber genug Größe hat, ihre Stimme für die Menschenrechte überall auf der Welt zu Gehör zu bringen. Andererseits bedeutet es zugleich auch eine Verantwortung, die mich etwas nervös macht: Die Veranstaltung wird in 110 Länder übertragen, und ich habe nur zwei Minuten, um über jemanden zu sprechen, der sein ganzes Leben seinem Nächsten gewidmet hat. Ich wandere durch die Wälder in der Umgebung der Mühle, in der ich lebe, wenn ich mich in Europa aufhalte. Immer wieder möchte ich zurückrufen und sagen, mir fehle die Inspiration. Doch das Interessante am Leben sind die Herausforderungen, die sich uns bieten, um am Ende nehme ich die Einladung an.

Ich reise am 9. Dezember nach Oslo, und am nächsten Tag – einem herrlichen Sonnentag – sitze ich bei der Verleihung des Nobelpreises im Publikum. Aus den großen Fenstern des Rathauses kann man den Hafen sehen, wo ich mehr oder weniger zur gleichen Jahreszeit vor 21 Jahren mit meiner Frau gesessen und auf das eisige Meer geschaut und Krabben gegessen hatte, die gerade mit den Fischkuttern gekommen waren. Ich denke an den langen Weg, der mich von diesem Hafen in diesen Saal geführt hat, doch meine Erinnerungen werden vom Klang der Trompeten unterbrochen, die den Einzug der königlichen Familie ankündigen. Das Organisationskomitee überreicht den Preis, Shirin Ebadi hält eine flammende Rede, in der sie anprangert, dass der Terror als Rechtfertigung für die Schaffung eines Polizeistaates in der Welt gebraucht wird.
Abends, bei dem Konzert zu Ehren der Nobelpreisträgerin, kündigte Cathrine Zeta-Jones meinen Text an. In diesem Augenblick drücke ich auf eine Taste meines Handys. In der alten Mühle klingelt das Telefon (es war alles zuvor so verabredet worden), um meine Frau ist bei mir, hört Michael Douglas´ Stimme meine Worte lesen.
Es folgt der für den Anlass geschriebene Text – und ich denke, er geht alle an, die für eine bessere Welt kämpfen.

Der persische Dichter Rumi einst sagte: Das Leben ist so, als habe ein König dich ins Land geschickt, damit du eine bestimmte Aufgabe erfüllst. Du machst dich auf und erledigst Hunderte von anderen Aufgaben, aber wenn du diese bestimmte Aufgabe, die dir aufgetragen wurde, vernachlässigst, dann ist es, als hättest du überhaupt nichts getan. Ein Mensch kommt auf die Welt, um eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen, dazu ist er hier; tut er es nicht, so wird alles, was er getan hat, nichts sein.

Für die eine.
Für die eine,
die ihre Aufgabe und ihre Bestimmung begriffen hat.
Für die eine,
die auf den Weg vor sich geschaut und begriffen hat, dass ein schwierige Reise vor ihr lag.
Für die eine,
die Schwierigkeiten nicht kleinredet, sondern herausstellt und deutlich macht.
Für die eine,
die den Einsamen das Gefühl gibt, nicht alleine zu sein,
die jede befriedigt, die es nach Gerechtigkeit dürstet,
die den Unterdrücker so schlecht fühlen lässt sie die Unterdrückten.
Für die eine, deren Tür immer offensteht, die stets zuhört, tätig ist und unterwegs.
Für die eine, die die Verse von Hafez, eines anderen persischen Dichters, verkörpert, die da lauten: Nicht einmal siebentaused Jahr des Glücks wiegen sieben Tage Traurigkeit auf.
Für die eine, die heute Nacht hier ist, möge sie eins sein mit uns allen, möge ihr Beispiel Schule machen, möge sie in der Lage sein, wenn auch noch Schwierigkeiten vor ihr liegen, alles zu tun, was zu tun ist, damit die nächste Generation nicht nach etwas streben muss, was bereits erreicht ist.
Und möge sie langsam gehen,
denn ihr Schritttempo ist das der Veränderung.
Und Veränderung, wirkliche Veränderung braucht immer ihre Zeit.

(aus Sei wie ein Fluss der still die Nacht durchströmt von Paulo Coelho, Diogenes Verlag)
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Siddhartha sollte mit dem Unterricht beginnen, den sein Vater für ihn organisiert hatte, um ein guter König zu werden. Er lernte jedoch weder Lesen noch Schreiben, er lernte stattdessen, ein Pferd zu reiten. Er lernte mit Pfeil und Bogen umzugehen, wie man kämpft und wie man ein Schwert benutzt. Das waren die Fähigkeiten, die ein tapferer König wohl brauchen würde. Siddhartha war ein gelehriger Schüler. Wie sein Cousin Devadatta, denn beide Jungen waren gleich alt. Die ganze Zeit hatte der König ein Auge auf seinem Sohn.

„Der Prinz ist so stark! Er ist so klug. Und wie schnell er alles begreift. Er wird ein großer und berühmter König werden!“

Wenn Prinz Siddhartha seine Lektionen beendet hatte, spielte er gern im Palastgarten. Dort lebten alle Arten von Tieren: Eichhörnchen, Hasen, Vögel, Hirsche und Rehe. Siddhartha beobachtete sie gern. Er konnte dasitzen und ihnen so leise und geräuschlos zuschauen, dass sie keine Angst hatten, sich ihm zu nähern. Siddhartha mochte es auch, in der Nähe des Sees zu spielen. Jedes Jahr stellte sich ein Paar wunderschöner weißer Schwäne ein, um dort ihr Nest zu bauen. Hinter dem Schilf versteckt, ließ er sie nicht aus den Augen. Er wollte wissen, wie viele Eier im Nest lagen, denn er wollte den Küken beim Schwimmenlernen zusehen.

Eines Nachmittags war Siddhartha am See. Plötzlich hörte er über sich ein Geräusch. Er schaute nach oben. Drei herrliche Schwäne flogen über seinen Kopf hinweg. „Noch mehr Schwäne“,  dachte Siddhartha. „Ich hoffe, sie bauen ihre Nester an unserem See.“  Aber genau in diesem Moment stürzte einer der Schwäne vom Himmel herab. „Oh nein!“,  rief Siddhartha aus, als er dorthin lief, wo der Schwan herabgestürzt war. “Was ist passiert?”, fragte er, als er sich dem Tier näherte.

“Da steckt ein Pfeil in deinem Flügel”, sagte er. “Jemand hat dich verletzt.”  Siddhartha sprach sehr sanft auf den Schwan ein, sodass er sich nicht vor ihm erschreckte. Er fing an, ihn zart zu streicheln. Sehr vorsichtig entfernte er den Pfeil. Er zog sein Hemd aus und wickelte den Schwan vorsichtig darin ein. “Dir wird es sehr bald wieder besser gehen,”  sagte er. “Ich komme später wieder, um nach dir zu sehen.”

 Genau in diesem Moment kam sein Cousin Devadatta angerannt. “Das ist mein Schwan,”  rief er. “Ich habe ihn getroffen, also gib ihn mir.” “Er gehört dir nicht”,  sagte Siddhartha, “er ist ein wilder Schwan.” “Ich habe ihn mit meinem Pfeil getroffen, deshalb gehört er mir. Gib ihn mir – aber sofort.“ „Nein“,  sagte Siddhartha, „er ist verwundet und wir müssen ihm helfen.”

Die zwei Jungen begannen zu streiten. “Halt ein”,  sagte Siddhartha. “In unserem Königreich verhält es sich so: Wenn sich zwei Leute über eine Sache nicht einigen können, fragen sie den König um Rat. Lass uns den König aufsuchen.”  Die zwei Jungen zogen los, um den König zu suchen. “Sagt mal, ist euch eigentlich klar, wie beschäftigt wir sind? Geht woanders spielen”,  murrte der. “Wir sind nicht zum Spielen hier, wir sind hier, um dich um einen Rat zu bitten”,  sagte Siddhartha.

“Wartet!” rief der König aus, als er das hörte. “Schickt sie nicht weg. Es ist ihr gutes Recht, um unsere Hilfe zu bitten.”  Es gefiel ihm, dass Siddhartha wusste, wie man sich in einer solchen Situation verhielt. “Die beiden Jungen sollen uns ihre Geschichte erzählen. Wir werden zuhören und ihnen unseren Schiedsspruch mitteilen.”

Erst erzählte Devadatta seine Version der Geschichte. “Ich habe den Schwan verletzt, er gehört mir.”  Die Minister nickten zustimmend. Das war das Gesetz im Königreich. Ein Tier, also auch ein Vogel, gehörte der Person, der es gelang, es zu verletzen. Dann erzählte Siddhartha seine Version der Geschichte. “Der Schwan ist nicht tot“,  brachte er vor, “er ist verletzt, aber er lebt noch.”

Die Minister waren verwirrt. Wem gehörte der Schwan denn jetzt? “Ich glaube, ich kann euch helfen,”  sagte eine Stimme. Ein alter Mann trat durch die Türe ein. “Wenn dieser Schwan reden könnte”,  sagte der alte Mann, “dann würde er uns erzählen, dass er mit den anderen wilden Schwänen fliegen und schwimmen will. Niemand möchte Schmerzen oder Tod erleiden. Dem Schwan geht es genauso. Er würde nicht mit dem Jungen gehen wollen, der versucht hat, ihn zu töten. Er würde mit dem gehen, der versucht hat, ihm zu helfen.”

 Die ganze Zeit über verhielt sich Devadatta ruhig. Er hatte nie darüber nachgedacht, ob Tiere auch Gefühle hatten. Es tat ihm leid, dass er dem Vogel wehgetan hatte. “Devadatta, wenn du möchtest, kannst du mir helfen, mich um den Schwan zu kümmern”,  sagte Siddhartha.

Siddhartha pflegte den Schwan, bis er wieder gesund war. Eines Tages, als sein Flügel verheilt war, nahm er ihn mit zum Fluss. “Es wird Zeit, dass wir Abschied voneinander nehmen”,  sagte Siddhartha. Siddhartha und Devadatta sahen zu, wie der Schwan in Richtung der tiefen Wasser schwamm. In diesem Moment hörten sie das Geräusch von Flügelschlägen über sich. “Schau,”  sagte Devadatta, “die anderen sind wegen ihm zurückgekommen.”  Der Schwan flog hoch in den Himmel hinauf und gesellte sich zu seinen Freunden. Dann flogen sie alle ein letztes Mal über den See. “Sie bedanken sich bei uns”,  sagte Siddhartha, als die Schwäne hinter den Bergen im Norden verschwanden.

(von https://gedankenwelt.de)

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Manuel kommt ins Paradis

Am Ende seines Arbeitslebens geht Manuel in Rente. Er genießt die Freiheit, nicht zu einer bestimmten Zeit aufstehen zu müssen, seinen Tag so gestalten zu können, wie er Lust hat. Doch dann verfällt er in Depressionen: Er fühlt sich nutzlos, von der Gesellschaft, die er mit aufgebaut hat, abgemeldet, von den inzwischen erwachsenen Kindern im Stich gelassen. Und er weiß nicht, was der Sinn des Lebens ist, da er sich zeitlebens nie die Mühe gemacht hat, eine Antwort auf die berühmte Frage zu finden: „Was mache ich hier?“

Nun eines Tages stirbt unser lieber, ehrlicher, fleißiger Manuel – wie alle anderen Manuels, wie alle Paulos, Marias und Monicas früher oder später auch. Um zu beschreiben, was dann mit ihm geschieht, bediene ich mich der Gedanken Henry Drummonds, der in seinem brillanten Buch Die höchste Gabe sinngemäß folgendes schreibt:

Was ist das Wichtigste in unserem Leben?

Wir möchten unsere Tage so gut wie möglich nutzen, denn niemand kann unser Leben für uns führen. Daher müssen wir wissen: Worum sollen wir uns bemühen, welches ist das höchste Ziel, das wir erreichen wollen?

In der spirituellen Welt ist der Glaube das Wichtigste, hören wir immer wieder. Auf diese einfache Aussage stützen sich seit Jahrhunderten die Religionen.

Der Glaube soll das Wichtigste auf der Welt sein? Na, da irren wir uns gewaltig.

Im ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther, Kapitel 13, der in den Anfängen des Christentums geschrieben wurde, heißt es: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Das hat der Apostel nicht nur so dahingesagt, denn er hat im selben Brief weiter vorn vom Glauben gesprochen: „Und hätte (ich) allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte ich die Liebe nicht, so wäre ich nichts.“

Paulus stellt sich dem Thema, stellt Glauben und Liebe einander gegenüber und kommt zu dem Schluss: „… und die Liebe ist die größte unter ihnen.“

Das Jüngste Gericht wird vom Evangelisten Matthäus so beschreiben: Der Menschensohn sitzt auf seinem Thron und trennt wie ein Hirte die Ziegen von den Schafen.

In diesem Augenblick wird die Frage, dies ich der Mensch stellt, nicht sein: „Wie habe ich gelebt?“

Sie wird sein: „Wie habe ich geliebt?“

Bei der Suche nach Erlösung wird am Ende die Frage nach der Liebe gestellt. Es wird nicht berücksichtigt, was wir getan, woran wir geglaubt, was wir erreicht haben. Nichts davon wird in die Waagschale gelegt. In die Waagschale gelegt wird die Art, wie wir unseren Nächsten geliebt haben. Die Fehler, die wir begangen haben, fallen nicht ins Gewicht. Wir werden nach dem beurteilt, was wir zu tun unterlassen haben. Denn die Liebe in sich verschlossen zu halten verstößt gegen den Geist Gottes, ist ein Zeichen dafür, dass wir ihn nie kennengelernt haben, dass er uns vergebens geliebt hat, dass sein Sohn umsonst gestorben ist.

Da dies ist ist, wird unser Manuel im Augenblick seines Todes gerettet werden, denn er war imstande, zu lieben, für seine Familie zu sorgen, und er besaß Würde in dem, was er tat.

Mir fällt dazu auch ein Satz von Shimon Peres ein, den er bei einem Weltwirtschaftsforum in Davos gesagt hat: „Am Ende sterben sowohl der Optimist als auch der Pessimist. Doch beide haben ihr Leben auf vollkommen andere Weise genutzt.“

(aus "Sei wie ein Fluss der still die Nacht durchströmt" von Paulo Coelho)
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Die Löschtaste drücken

Wie man die schlechten Erinnerungen löscht, wollen Sie wissen?

Es war in Thailand vor vielen Jahren, als Ajahn Chah eines Tages von seinem allmorgentlichen Almosengang zurückkehrte, am Wegesrand einen Stock aufhob und fragte: „Wie scher ist dieser Stock?“ Bevor noch irgendjemand antworten konnte, warf Ajahn Chah den Stock in die Büsche uns sagte: „Scher ist ein Stock nur, solange ihr ihn festhaltet. Sobald ihr ihn wegwerft, ist sein Gewicht dahin.“

Auf der Basis dieses Gedankens habe ich meinen Schülern vorgeschlagen, die folgende Stockzeremonie durchzuführen.

Dafür schreiben Sie so viele schlechte Erinnerungen auf ein Stück Papier, wie ihnen einfallen. Dann suchen Sie sich einen Stock, wickeln das Papier um eines der Enden und befestigen es mit einem Gummi oder etwas Klebeband. Begeben Sie sich dann an ein einsames Plätzchen im Wald, halten Sie den Stock in der Hand und meditieren Sie über das Gewicht all jener schlechten Erinnerungen. Sobald Sie bereit sind, schleudern Sie den Stock mit voller Kraft so weit von sich fort, wie es irgend geht.

Um schlechte Erinnerungen loslassen zu können, müssen Sie sie zunächst einmal als solche erkennen. Sie sich wirklich ins Gedächtnis zurückrufen. Das ist auch der Grund, warum sie aufgeschrieben werden müssen. Anschließend braucht es eine körperliche Handlung beziehungsweise Zeremonie, um dem Loslassen mehr Kragt zu verleihen. Nur zu denken „Ich lasse das jetzt alles los“ funktioniert nicht. Das Umwickeln des Stocks mit dem Papier, das Aufsuchen des Waldes mit dem Ziel, all das schlechte loszuwerden, das Gewicht des Stocks in der Hand und dann der Moment, in dem Sie ihn von sich schleudern – alle diese Schritte dienen dazu, Ihre Absicht zu verstärken uns sie mit Bedeutung zu bersehen. Und das funktioniert. Wirklich. So drücken Sie die Löschtaste.

Allerdings gab es Beschwerden. Es hieß, ich sei dafür verantwortlich, dass der Wald verschmutzt würde. Also veränderte ich das Prozedere wie folgt:

Wie zuvor schreiben alle ihre schlechten Erinnerungen auf ein Blatt Papier. Denn bevor sie gelöscht werden können, müssen sie erst noch einmal an die Oberfläche kommen. Aber diesmal nehmen Sie ein besonderes Papier, und zwar ein, das für mistige Erinnerungen besser geeignet ist, als alles andere: Sie schreiben auf Toilettenpapier. Sobald Sie mit Schreiben fertig sind, nehmen Sie das Papier mit ins Bad und werfen die beschriebenen Blätter in die Kloschüssel, denn da gehören sie auch hin. Abschließend betätigen Sie die Spülung!

(aus Der Elefant, der das Glück vergaß – Ajahn Brahm – Lotos Verlag)

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Es war einmal ein König, der hatte einen Diener, der wie alle Diener von unglücklichen Königen sehr glücklich war.

Jeden Morgen weckte er den König, brachte ihm das Frühstück und summte dabei fröhliche Spielmannslieder. In seinem Gesicht zeichnete sich ein breites Lächeln ab, und seine Ausstrahlung war stets heiter und positiv.

Eines Tages schickte der König nach ihm.
„Page“, sagte er. „Was ist dein Geheimnis?“
„Mein Geheimnis Majestät?“
„Das Geheimnis deiner Fröhlichkeit?“
„Es gibt kein Geheimnis, Majestät.“
„Lüg mich nicht an, Page. Ich habe schon Köpfe abschlagen lassen für weniger als eine Lüge.“
„Ich belüge Euch nicht, Majestät. Ich habe kein Geheimnis.“
„Warum bist du immer fröhlich und glücklich? Hm, sag mir, warum?“
„Herr ich habe keinen Grund, traurig zu sein. Eure Majestät erweist mir die Ehre, Euch dienen zu können. Ich lebe mit meinem Weib und meinen Kindern in einem Haus, das uns der Hof zugeteilt hat. Man kleidet und nährt uns, und manchmal, Majestät, gebt Ihr mit die ein oder andere Münze, damit ich mir etwas Besonderes leisten kann. Wie sollte ich da nicht glücklich sein?“
„Wenn du mir nicht gleich dein Geheimnis verrätst, lasse ich dich enthaupten“, sagte der König. „Niemand kann aus solchen Gründen glücklich sein.“
„Aber Majestät, es gibt kein Geheimnis. Wie gern wäre ich Euch zu Gefallen, aber ich verheimliche nichts.“
„Geh, bevor ich den Henker rufen lasse!“
Der Diener lächelte, machte eine Verbeugung und verließ den Raum.

Der König war völlig außer sich. Er konnte dich einfach nicht erklären, wie dieser Page so glücklich sein konnte, der sich als Leibeigener verdingen musste, alte Kleidung auftrug und sich von dem ernährte, was von der königlichen Tafel übrigblieb.
Als er sich beruhigt hatte, rief er den weisesten seiner Berater zu sich und berichtete ihm von dem Gespräch, das er an diesem Morgen geführt hatte.
„Warum ist dieser Mensch glücklich?“
„Majestät, er befindet sich außerhalb des Kreises.“
„Außerhalb des Kreises?“
„So ist es.“
„Und das macht ihn glücklich?“
„Nein, mein Herr. Das ist das, was ihn nicht unglücklich sein lässt.“
„Begreife ich das recht: Im Kreis zu sein macht einen unglücklich?“
„So ist es.“
„Und er ist es nicht.“
„So ist es.“
„Und wie ist er da wieder herausgekommen?“
„Er ist niemals eingetreten.“
„Was ist das für ein Kreis?“
„Der Kreis der neunundneunzig.“
„Ich verstehe nicht.“
„Das kann ich nur an einem praktischen Beispiel erklären.“
„Wie das?“
„Lass deinen Pagen in den Kreis eintreten.“
„Ja, zwingen wir ihn zum Eintritt.“
„Nein, Majestät. Niemand kann gezwungen werden, in den Kreis einzutreten.“
„Also muss man ihn überlisten.“
„Das ist nicht nötig, Majestät. Wenn wir ihm die Möglichkeit dazu geben, wird er ganz von selbst eintreten.“
„Aber er merkt nicht, dass er sich dadurch in einen unglücklichen Menschen verwandelt?“
„Doch er wird es merken.“
„Dann wird er nicht eintreten.“
„Er kann gar nicht anders.“
„Du behauptest, er merkt, wie unglücklich es ihn macht, in diesen albernen Kreis einzutreten, und trotzdem tut er es, und es gibt keinen Weg zurück?“
„So ist es, Majestät. Bist du bereit, einen ausgezeichneten Diener zu verlieren, um die Natur des Kreises zu begreifen?“
„Ja, ich bin bereit.“
„Gut. Heute nacht werde ich kommen und dich abholen. Du musst einen Lederbeutel mit neunundneunzig Goldstücken bereithalten. Neunundneunzig, keines mehr, keines weniger.“
„ Was noch? Soll ich meine Leibwächter mitnehmen für den Fall, dass …?“
„Nur den Lederbeutel. Bis heute nacht, Majestät.“
„Bis heute nacht.“
Und so geschah es. In dieser Nacht holte der Weise den König ab. Gemeinsam verließen sie unerkannt den Hof und versteckten sich in der Nähe des Hauses des Pagen. Dort warteten sie auf den Tagesanbruch.
Im Haus wurde die erste Kerze angezündet. Der Weise steckte einen Zettel in den Beutel, auf dem stand:

Dieser Schatz gehört Dir.
Es ist die Belohnung dafür,
dass Du ein guter Mensch bist.
Genieße ihn
und sag niemanden,
wie Du an ihn gelangt bist.

Dann band er den Beutel an die Haustür des Dieners, klingelte und versteckte sich wieder.
Der Page kommt heraus, und von ihrem Versteck im Gebüsch aus beobachteten der Weise und der König das weitere Geschehen.
Der Bedienstete öffnete den Beutel, las die Nachricht, schüttelte den Sack, und als er das metallische Geräusch aus seinem Inneren vernahm, zuckte er zusammen, drückte den Schatz an seine Brust, sah sich um, ob ihn auch niemand beobachtete, und ging ins Haus zurück.
Von draußen hörte man, wie der Diener die Tür verriegelte, und so näherte die Spione sich dem Fenster, um die Szene zu beobachten.
Der Diener hatte alles, was sich auf dem Tisch befand, mit einem Handstreich auf den Boden gewischt, bis auf die Kerze. Er hatte sich hingesetzt, den Inhalt des Beutels auf den Tisch geleert und traute seinen Augen kaum.
Es war ein Berg aus Goldmünzen!
Er, der in seinem ganzen Leben auch nicht eine einzige verdient hatte, besaß nun einen ganzen Berg davon.
Er berührte und er häufelte sie. Er streichelte sie und betrachtete sie im Widerschein der Kerze. Er strich sie zusammen und verteilte sie wieder auf dem Tisch, um sie danach zu Säulen aufzustapeln.
So vergnügte er sich mit seinem Schatz, bis er schließlich begann, Häuflein zu zehn Münzen zu machen. Ein Zehnerhaufen, zwei Zehnerhaufen, drei Zehnerhaufen, vier, fünf, sechs … Er zählte sie zusammen: zehn, zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig, sechzig, … Bis zum letzten Häuflein, das nur aus neun Münzen bestand!
Zunächst suchten seine Augen den Tisch ab, in der Hoffnung, die fehlende Münze zu finden. Dann schaute er auf den Boden und schließlich in den Beutel.
Das ist unmöglich, dachte er. Er schob den letzten Haufen neben die anderen und tatsächlich, er war kleiner.
„Man hat mich beraubt!“ schrie er. „Man hat ich beraubt! Das ist Diebstahl.“
Wieder schweifte sein Blick über den Tisch, über den Boden, in den Beutel, in seine Kleider, in seine Taschen, unter die Möbel … Aber die gesuchte Münze blieb verschollen.
Wie um ihn zu foppen, funkelte auf dem Tisch in Haufen Goldstücke und erinnerte ihn daran, dass es nur neunundneunzig waren. Nur neunundneunzig.
Neunundneunzig Münzen. Das ist eine Menge Geld, dachte er. Aber ein Goldstück fehlt. Neunundneunzig ist keine Runde Zahl. Hundert ist rund, doch nicht neunundneunzig.

Der König und sein Ratgeber spähten zum Fenster hinein. Das Gesicht des Pagen hatte sich verändert. Seine Stirn lag in Falten, und die Mine war angespannt. Die Augen hatte er zu Schlitzen gepresst, und um seinen Mund spielte ein verzerrtes Lächeln.
Der Diener steckte die Münzen in den Beutel zurück, vergewisserte sich, dass ihn niemand im Haus beobachtete, und versteckte den Beutel zwischen der Wäsche.
Dann nahm er Papier und Feder und setzte sich an den Tisch, um eine Rechnung aufzustellen.
Wie lange musste er sparen, um Goldstück Nummer hundert zu bekommen?
Der Diener führte Selbstgespräche.
Er war bereit, hart dafür zu arbeiten. Danach würde er womöglich niemals wieder etwas tun müssen.
Mit hundert Goldstücken konnte man aufhören zu arbeiten.
Mit hundert Goldstücken ist man reich.
Mit hundert Goldstücken kann man ein ruhiges Leben führen.
Er beendete seine Berechnungen. Wenn er hart arbeitete und sein Gehalt und etwaige Trinkgelder sparte, konnte er in elf oder zwölf Jahren genügend für ein weiteres Goldstück beisammen haben.
Zwölf Jahre sine eine lange Zeit, dachte er.
Vielleicht konnte er seine Frau überreden, sich für eine Weile im Dorf zu verdingen. Und er arbeitete schließlich nur bis um fünf Uhr im Palast. Nachts konnte er noch etwas hinzuverdienen.
Er überlegte: Wenn man seine Arbeit im Dorf und die seiner Ehefrau zusammenrechnete, konnten sie in sieben Jahren das Geld beieinander haben.
Das war zu lang.
Vielleicht konnte er das Essen, das ihnen übrigblieb, ins Dorf bringen und es für ein paar Münzen verkaufen. Je weniger sie also essen würden, desto mehr könnten sie verdienen.
Verdienen, verdienen.
Es würde warm werden. Wozu brauchten sie so viel Winterkleidung? Wozu brauchte man mehr als ein Paar Hosen?
Es war ein Opfer. Aber in vier Opferjahren hätten sie Goldstück Nummer hundert.
Der König und der Weise kehrten in den Palast zurück.
Der Page war in den Kreis der neunundneunzig eingetreten.

Während der kommenden zwei Monate verfolgte der Bedienstete seinen Plan genau, wie er ihn in jener Nacht entworfen hatte. Eines Morgens klopfte er übelgelaunt und gereizt an die Tür des königlichen Schlafzimmers.
„Was ist denn mit dir los?, fragte der König höflich.
„Mit mir? Gar nichts.“
„Früher hast du immer gesungen und gelacht.“
„Ich tue meine Arbeit, oder etwas nicht? Was wünschen Ihre Majestät? Soll ich Euch auch noch Hofnarr und Barde sein?“
Es dauerte nicht mehr allzulang, da entließ der König den Diener. Er fand es unangenehm, einen Pagen zu haben, der immer schlecht gelaunt war.

Wir alle sind oft nach diesen blöden Regeln erzogen worden. Immer fehlt ein Stück, um zufrieden zu sein, und nur, wenn man zufrieden ist, kann man das genießen, was man hat.

(aus „Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“ von Jorge Bucay – Amann Verlag)
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An einer der Wände in meiner Wohnung hängt eine schöne alte Uhr, die leider nicht mehr geht. Ihre Zeiger sind schon vor ewigen Zeiten stehengeblieben und zeigen ununterbrochen dieselbe Uhrzeit an: Punkt sieben Uhr.

Die meiste Zeit ist diese Uhr nur ein nutzloser Schmuck an einer leeren weißen Wand. Trotzdem gibt es zwei Momente am Tag, zwei flüchtige Augenblicke, in denen die alte Uhr aufzuerstehen scheint wie Phönix aus der Asche.

Wenn alle Uhren der Stadt in ihrer einwandfreien Gangart sieben Uhr anzeigen und ihre Kuckucks und Läutwerke sieben Mal ihren Klang vernehmen lassen, scheint die Uhr in meinem Zimmer langsam zum Leben zu erwachen. Zweimal am Tag, morgens und abends, fühlt sie sich in komplettem Einklang mit dem Rest des Universums.

Jemand, der die Uhr in genau diesen Momenten ansieht, müsste denken, dass sie perfekt funktioniert … Aber sobald dieser Moment vorbei ist, wenn die übrigen Uhren ihren Klang einstellen und die Zeiger weiter ihren monotonen Gang gehen, verliert meine Uhr ihren Schritt und verharrt treu dort, so sie einst stehengeblieben war.

Ich mag diese Uhr. Und je mehr ich von ihr rede, desto lieber wird sie mir, weil mir immer deutlicher wird, wie sehr ich ihr ähnele.

Auch ich bin irgendwann einmal stehen geblieben. Auch ich fühle mich starr und unbeweglich. Auch ich bin irgendwie bloß nutzloser Schmuck an einer leeren Wand.

Aber ich genieße auch die flüchtigen Momente, in denen auf mysteriöse Art meine Stunde gekommen ist. Dann fühle ich mich sehr lebendig. Alles scheint mir klar und die Welt ein wunderbarer Ort. Ich kann schöpferisch sein, träumen, fliegen und mehr fühlen und sagen als in der ganzen übrigen Zeit. Solche Momente glücklicher Übereinstimmung gibt es immer wieder, in unbeirrbarer Folge.

Beim ersten Mal habe ich versucht, diesen Augenblick anzuhalten, damit er für immer bleibe. Aber es war vergeblich. Wir meinem Freund, der Uhr, entschwand auch mir die Zeit der anderen.

Waren diese Momente vorbei, gingen die anderen Uhren in den anderen Menschen weiter ihren Gang, und ich kehrte zu meiner todesstarren Routine zurück. Zu meiner Arbeit, meinen Kaffeehausgesprächen, ich ging weiter meinen langweiligen Trott, den ich gewohnheitsmäßig Leben nannte.

Aber ich weiß, dass Leben etwas anderes ist. Ich weiß, dass das wahre Leben die Summe solcher flüchtigen Momente ist, in denen wir uns im Einklang mit der Welt fühlen.

Fast jeder bedauernswerte Mensch glaubt, dass er lebt. Es gibt bloß einzelne Momente der Fülle, und diejenigen, die das nicht wissen und daran festhalten, immer leben zu wollen, werden an die graue und immergleiche Alltagswelt festgekettet bleiben.

Deshalb mag ich dich, alte Wanduhr. Weil wir gleich sind, du und ich.

(aus „Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“ von Jorge Bucay – Ammann Verlag)

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Anders reisen

Schon als sehr junger Mensch fand ich heraus, dass die beste Art zu lernen für mich das Reisen war. Bis heute habe ich mir die Seele eines Wanderers bewahrt und möchte hier in der Hoffnung, sie könnten anderen ´Wanderern´ nützlich sein, einige Lektionen wiedergeben, die ich gelernt habe.

1)    Meide Museen. Der Rat mag absurd erscheinen, aber lasst uns einen Augenblick miteinander nachdenken: Wenn du in einer fremden Stadt bist, ist es da nicht interessanter, statt der Vergangenheit die Gegenwart zu suchen? Die Leute fühlen sich verpflichtet, in Museen zu gehen, weil sie von klein auf gelernt haben, dass Reisen bedeutet, diese Art von Kultur zu suchen. Selbstverständlich sind Museen wichtig, aber du musst wissen, was du sehen willst, andernfalls verlässt du sie mit dem Eindruck, dass du zwar ein paar grundlegende Dinge für dein Leben gesehen hast, aber nicht mehr weißt, welche es denn waren.

2)    Geh in Bars. Dort zeigt sich das Leben der Stadt. Mit Bars meine ich nicht Diskotheken, sondern Orte, wo die Einheimischen sich treffen, trinken, über Gott und Welt diskutieren und immer offen sind für ein Gespräch. Kaufe eine Zeitung, sitze einfach da, und schaue dem Kommen und Gehen zu. Wenn jemand ein Gespräch anfängt, geh darauf ein, auch wenn das Thema noch so albern ist. Man kann über die Schönheit eines Weges nicht befinden, wenn man nur aus der Tür schaut.

3)    Sie offen. Der beste Touristenführer ist ein Einheimischer. Er kennt alles, ist stolz auf seine Stadt, arbeitet aber nicht für eine Agentur. Geh auf die Straße hinaus, suche dir einen Menschen aus, mit dem du reden möchtest, und frage ihn nach dem Weg (Wo liegt die Kathedrale? Wo ist die Post?). Wenn es beim ersten nicht klappt, frage einen zweiten – und ich garantiere dir, dass du bis zum Tagesende eine ausgezeichnete Begleitung gefunden haben wirst.

4)    Reise allein oder, wenn du verheiratet bist, mit deinem Partner. Nur so kannst du wirklich dein Land verlassen. Wenn du in einer Gruppe reist, simulierst du nur eine Reise in ein anderes Land, bei der du weiter deine Muttersprache sprichst, den Weisungen eines ´Leithammels´ folgst und dich mehr um den Klatsch und Tratsch in der Gruppe als um den Ort kümmerst, den du besuchst.

5)    Vergleiche nicht. Vergleiche nichts – weder Preise noch Sauberkeit, noch die Lebensqualität, doch die Verkehrsmittel, nichts!! Du reist nicht, um zu beweisen, dass du besser lebst als die anderen. Du sollst herausfinden, wie die anderen leben, was sie dich lehren können, wie sie mit der Realität und dem Besonderen im Leben umgehen.

6)    Begreife, dass alle dich verstehen. Auch wenn du die Landessprache nicht sprichst, habe keine Angst: Ich war an vielen Orten, an denen ich mich nicht mit Worten habe verständlich machen können, und habe letztendlich doch immer Hilfe, wichtige Vorschläge erhalten und sogar Freunde und Freundinnen gefunden. Einige Menschen fürchten, sich zu verlaufen, wenn sie alleine reisen und auf die Straße hinaus gehen. Man braucht nur die Visitenkarte des Hotels in der Tasche haben und notfalls ein Taxi zu nehmen und sie dem Fahrer unter die Nase halten.

7)    Kaufe nicht viel ein. Gib dein Geld für Dinge aus, die du nicht zu tragen brauchst: gute Theaterstücke, Restaurants, Ausflüge. Heutzutage, in den Zeiten des globalen Marktes und des Internets, kannst du alles kaufen, ohne Übergewicht zu bezahlen.

8)    Versuche nicht, die ganze Welt in einem Monat zu bereisen. Es ist besser, vier oder fünf Tage in einer Stadt zu bleiben, als fünf Städte in einer Woche zu besuchen. Eine Stadt ist eine kapriziöse Frau, die Zeit braucht, um verführt zu werden und sich ganz zu zeigen.

9)    Eine Reise ist ein Abenteuer. Henry Miller hat einmal gesagt, es sei wichtiger, eine Kirche zu entdecken, der noch niemand etwas gehört hat, als nach Rom zu gehen und sich verpflichtet zu fühlen, die Sixtinische Kapelle zu besichtigen. Geh ruhig in die Sixtinische Kapelle, aber verlier dich in den Straßen, geh durch die Gassen, spüre die Freiheit, etwas zu suchen, von dem du nicht weißt, was es ist, was du aber ganz gewiss finden wirst und was vielleicht dein Leben ändern wird.

(aus "Sei wie ein Fluss der still die Nacht durchströmt" von Paulo Coelho)
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Manuel ist ein freier Mann

Manuel arbeitet seit dreißig Jahren ohne Unterbrechung, er zeiht seine Kinder groß, ist ihnen ein Vorbild, widmet sich ganz und gar seiner Arbeit, ohne je zu fragen, ob das, was er tut, überhaupt sinnvoll ist. Er glaubt, in der Gesellschaft um so geachteter zu sein, je mehr er zu tun hat.

Seine Kinder wachsen heran und gehen aus dem Haus. Manuel wird befördert. Eines Tages ist es aber soweit: Manuel geht in Rente. Seine Kollegen vergießen ein paar Tränen, und er bekommt zum Zeichen der Anerkennung für die jahrzehntelange Schinderei eine Uhr oder einen Füllfederhalter. Der so lange ersehnte Augenblick ist da: Manuel ist frei zu tun, wozu er Lust hat!

In den ersten Monaten als Rentner sieht Manuel öfter in der Firma vorbei, in der er gearbeitet hat, und hält mit den ehemaligen Kollegen ein Schwätzchen. Ansonsten genießt er, das zu tun, wovon er immer geträumt hatte: Er schläft lange, geht am Stand oder in der Stadt spazieren, richtet sich in seinem mühsam abbezahlten Landhaus ein, entdeckt das Gärtnern für sich und dringt allmählich in die Geheimnisse der Pflanzen ein. Endlich hat Manuel Zeit, alle Zeit der Welt. Mit seinem Ersparten unternimmt er weite Reisen. Er besucht Museen, lernt in zwei Stunden, was Maler und Bildhauer vergangener Zeiten in Jahrhunderten entwickelt haben, zumindest hat er das Gefühl, dass er sich bildet. Er schickt allen seinen ehemaligen Kollegen Postkarten – sie müssen doch erfahren, wie glücklich er ist!

Weitere Monate gehen ins Land. Manuel lernt, dass der Garten nicht genau denselben Regeln gehorcht wie der Mensch – was gepflanzt wurde, braucht seine Zeit, bis es gewachsen ist, und es bringt nichts, immer wieder nachzuschauen, ob der Rosenstrauch schon Knospen hat. Auch findet er, als er einmal ehrlich nachdenkt, heraus, dass alles, was er auf seinen Reisen gesehen hat, für ihn nur eine Landschaft aus dem Tourismusbus heraus gewesen ist, die jetzt auf Fotos im Format 6x9 festgehalten sind. In Wahrheit har er von all den Reisen nichts zurückbehalten, weil er viel zu beschäftigt war, seinen Kollegen von dem Zauber fremder Länder zu berichten, anstatt diesen selber zu erleben.

Er schaut sich immer noch die Nachrichten im Fernsehen an, liest noch mehr Zeitungen (er hat ja jetzt Zeit), hält sich für äußerst gut informiert – jemand, der bei Dingen mitreden kann, von denen er zuvor keine Ahnung hatte.

Er sucht jemanden, mit dem er sich austauschen kann, doch alle, die für ihn in Frage kämen, stehen mitten im Berufsleben und haben keine Zeit. Zwar beneiden sie Manuel um seine Freiheit, gleichzeitig aber sind sie heilfroh darüber, der Gesellschaft nützlich, mit etwas Wichtigem beschäftigt zu sein.

Manuel sucht bei seinen Kindern Trost. Sie gehen immer sehr liebevoll mit ihm um – schließlich war er ihnen ein guter Vater, ein Vorbild an Ehrlichkeit und Fleiß. Aber auch sie haben anderes zu tun, wenngleich sie es als ihre Pflicht ansehen, sonntags zu ihm zum Essen zu kommen.

Manuel ist ein freier Mensch. Seine finanzielle Lage ist zufriedenstellend, er ist gut informiert, kann auf ein Leben ohne Fehl und Tadel zurückblicken. Nur – was jetzt? Was tun mit dieser so mühevoll errungenen Freiheit? Alle grüßen ihn, loben ihn, aber niemand hat Zeit für ihn. Ganz allmählich beginnt Manuel, sich traurig, nutzlos zu fühlen – trotz der vielen Jahre, in denen er der Gesellschaft gedient und sich nützlich gemacht hat und auch trotz seiner Familie.

Eines Nachts erscheint ihm im Traum ein Engel: „Was hast du aus deinem Leben gemacht?“ Hast du es deinen Träumen entsprechend gelebt?“

Manuel wacht schweißgebadet auf. Was für Träume? Sein Traum war: ein Diplom bekommen, heiraten, Kinder haben, sie aufziehen, in Rente gehen, reisen. Wieso fragte der Engel, so sinnlose Dinge?

Ein neuer, langer Tag beginnt. Die Zeitungen. Die Nachrichten im Fernsehen. Der Garten. Das Mittagessen. Ein wenig schlafen. Tun, wozu er gerade Lust hat – und in diesem Augenblick merkt er, dass er zu überhaupt nichts Lust hat. Manuel ist ein freier, aber trauriger Mensch, nur einen Schritt von der Depression entfernt. Früher war er immer zu beschäftigt gewesen, um über den Sinn des Lebens nachzudenken, während die Jahre dahinflossen. Er erinnert sich an den Ausspruch eines Dichters: „Er hat nicht gelebt.“

Aber da es zu spät ist, sich dies einzugestehen und etwas daran zu ändern, erzählt Manuel niemanden von dem Traum. In seiner so mühsam errungenen Freiheit fühlt er sich, als lebe er in der Verbannung.

(aus "Sei wie ein Fluss der still die Nacht durchströmt" von Paulo Coelho)
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Emanuel ist ein wichtiger und unentbehrlicher Mann

Manuel muss etwas zu tun haben. Sonst glaubt er, habe sein Leben keinen Sinn, vertrödle er nur seine Zeit, brauche die Gesellschaft ihn nicht, liebe ihn niemand, wolle ihn niemand.

Aus diesem Grund warten gleich nach dem Aufwachen eine Menge Aufgaben auf ihn: Er muss die Nachrichten im Fernsehen anschauen (es könnte ja über Nacht etwas passiert sein). Er muss die Zeitung lesen (es könnte ja am Vortag etwas passiert sein). Er muss seine Frau bitten, darauf zu achten, dass die Kinder nicht zu spät in die Schule kommen. Er muss in sein Auto oder in ein Taxi steigen oder den Bus oder die Untergrundbahn nehmen – und das alles äußerst konzentriert, mit ins Leere gerichtetem Blick. Er wird immer wieder auf die Uhr schauen, wenn möglich ein paar Telefonate mit dem Handy erledigen – wobei er darauf achtet, dass ja alle mitbekommen, was für ein wichtiger, vielbeschäftigter Mann er ist.

An seinem Arbeitsplatz angekommen, stürzt sich Manuel unverzüglich auf die Aktenberge, die ihn erwarten. Ist er Angestellter, wird er alles daransetze, dass sein Chef sieht, wir pünktlich er war. Ist er selbst Chef, wird er die anderen sofort zur Arbeit antreiben. Falls es keine wichtigeren Aufgaben zu erledigen gibt, wird Manuel welche entwickeln und sogleich einen Plan aufstellen und Weisung geben, wie dieser Plan umzusetzen sei.

Geht Manuel zum Mittagessen, tut er dies nie allein. Ist er der Chef, setzt es sich mit seinen Freunden zusammen, diskutiert neue Strategien, redet schlecht über seine Konkurrenten, hat immer ein As im Ärmel und klagt (nicht ohne Stolz) über seine Arbeitsüberlastung. Ist Manuel Angestellter, setzt er sich mit seinen Kollegen zusammen, klagt über seinen Chef, über zu viele Überstunden und darüber, dass ohne ihn in der Firma gar nichts ginge.

Nach der Mittagspause arbeitet Manuel – der Chef oder der Angestellte – den ganzen Nachmittag. Hin und wieder wirft er einen Blick auf die Uhr. Bald ist es Zeit, nach Hause zu gehen, aber da muss noch ein Detail geklärt, ein Dokument unterzeichnet werden. Er ist ein ehrlicher Mann, er möchte sein Gehalt wert sein, die Erwartungen der anderen nicht enttäuschen, den Träumen seiner Eltern entsprechen, die so viel auf sich genommen haben, um ihm eine gute Ausbildung zukommen zu lassen.

Endlich geht auch Manuel nach Hause. Er nimmt ein Bad, zieht sich bequeme Kleider an, isst mit seiner Familie zu Abend. Er fragt die Kinder nach ihren Schularbeiten, seine Frau danach, was sie am Tag so gemacht hat. Hin und wieder erzählt er etwas von seiner Arbeit, doch nur die Dinge, bei denen er als Vorbild dasteht – dann seine Sorgen lässt er im Büro. Nach dem Abendessen stehen die Kinder (die keine Lust auf weitere Lehrbeispiele ihres vorbildlichen Vaters haben und auch nicht auf seine ewigen Fragen nach ihren Schularbeiten) sofort vom Tisch auf und setzen sich vor den Computer. Auch Manuel wird sich hinsetzen – allerdings wie schon in Kindertagen vor den guten alten Fernseher, um sich die Nachrichten anzusehen (es könnte ja am Nachmittag etwas passiert sein).

Beim Ins-Bett-Gehen erwartet ihn ein Sachbuch auf dem Nachttisch. Gleichgültig, ob er Chef oder Angestellter ist – die Konkurrenz, das weiß er, schläft nicht oder zumindest nicht sofort, und wer sich nicht auf dem Laufenden hält, den könnte die schlimmste aller Strafen ereilen: die Arbeitslosigkeit.

Vor dem Einschlafen redet Manuel noch ein wenig mit seiner Frau, denn schlißelich ist er ein freundlicher, tüchtiger, liebevoller Mann, der für seine Familie sorgt und bereit ist, alles für sie zu tun. Er schläft sofort ein, denn er weiß, morgen wird wieder ein harter Tag, und er muss fit sein.

In dieser Nacht hat Manuel einen Traum: Ein Engel fragt ihn: „Warum tust du das alles?“ Manuel antwortet: „Aus Verantwortungsbewusstsein.“ Der Engel fährt fort: „Könntest du nicht wenigstens einmal am Tag eine Viertelstunde lang innehalten, deine Umgebung anschauen, dich selber betrachten oder einfach gar nichts tun?“ Manuel sagt, er würde das liebend gern tun, habe dafür aber keine Zeit.

„Das stimmt nicht“, sagt der Engel. „Jeder hat dafür Zeit, dir fehlt nur der Mut. Arbeit ist ein Segen, wenn sie uns hilft, über unser Tun nachzudenken. Aber sie wird zu einem Fluch, wenn sie nur dazu dient, zu verhindern, dass wir über denn Sinn unseres Lebens nachdenken“

Manuel wacht mitten in der Nacht schweißgebadet auf. Mut? Ein Mann, der sich für die Seinen aufopfert, sollte nicht den Mut haben, eine Viertelstunde innezuhalten?

Besser, er schläft sofort wieder ein und sagt sich, alles sei nur ein böser Traum gewesen, diese Fragen würden zu nichts führen. Besser, er schläft sofort wieder ein, denn morgen ist ein anstrengender Tag.

(aus "Sei wie ein Fluss der still die Nacht durchströmt" von Paulo Coelho)
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Spiegel unseres Lebens

Es ist ein regnerischer Tag. Perfekt, um in die stille Welt eines Museums einzutauchen. Die Atmosphäre in einer Gemäldegalerie hat etwas Erhabenes; fast schon Sakrales.

Und dann – nachdem wir uns an die Ruhe und das Dämmerlicht gewöhnt haben – beginnen unsere Augen ihre Entdeckungsreise. Sie wandern von Bild zu Bild, verweilen, werden vom nächsten Werk angezogen. Folgen diesem Weg der Bilder. Bis wir vor einem stehen, das uns etwas zu sagen hat, und beginnen zu verstehen.

Man sagt, dass uns Kunstwerke faszinieren, weil sie Fenster sind zu einer anderen Zeit und zu anderen Orten. Und weil sie es uns ermöglichen, die Welt durch die Augen des Künstlers zu betrachten. Das alles ist sicher richtig, aber die Magie solch eines Musemumsbesuchs kann viel tiefer gehen.

Nach Auffassung des Londoner Philosophen Alain de Botton können Kunstwerke zum Spiegel unserer Seele werden. „Je schwieriger unser Leben ist, umso mehr vermag die anmutige Darstellung einer Blume uns rühren. Unsere Tränen kommen – falls sie kommen – nicht, weil das Bild so traurig ist, sondern weil es so schön ist“, sagt Botton.

Meist berühren uns genau die Bilder am tiefsten, die etwas zum Ausdruck bringen, wonach wir uns sehnen. Wer sich zum Farbenrausch eines Henri Matisse hingezogen fühlt, empfindet sein Leben womöglich gerade als eintönig. Wer von Piet Mondrians akkuraten Rechtecken angezogen wird, wünscht sich wahrscheinlich mehr Ordnung. Wer Leibe und Nähe entbehrt, könnte Gefahr laufen, sich in die seelenvollen Augen von Vermeers „Mädchen mit dem Perlohrring“ zu verlieben. Der, den Picassos kubistische Porträts faszinieren, ist bereit für einen neuen Blick auf die Welt.

Kunstwerke weisen aber nicht nur auf das hin, was uns gerade fehlt – ihnen wohnt auch eine eigene Heilkraft inne. Indem sie uns berühren, richten sie uns innerlich auf. Sie sagen: „Du bist nicht allein. Weder mit deinen Sehnsüchten noch mit deinem Herzen.“ Das ist nicht nur tröstlich, sondern es lässt uns unser Menschsein deutlicher spüren und erfahren. Und manchmal kann es sogar passieren, dass sich beim Betrachten eines Bildes in unserem Inneren etwas zusammenfügt, was zuvor getrennt war. Das ist die wahre Magie der Kunst.

(Editorial der Happinez – Ausagabe 7 der 9. Jahrgangs)

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Selbstachtung

Kein Urteil ist wichtiger als das über uns selbst. Trotzdem vertrauen wir uns oft nicht – verstecken uns hinter alten Verletzungen. Wie wir es schaffen, unserer Selbstachtung zurückzuerlangen und ein Leben zu führen, nach dem wir uns in unserem Innersten wirklich sehnen.

Jeder von uns trägt sie in sich – diese Stimme, du uns sagt, dass wir voll und ganz auf unser Fähigkeiten vertrauen können. Die weiß, dass auch wir das Recht haben, glücklich zu sein. Es verdient haben, unsere Bedürfnisse und Wünsche geltend zu machen. Die sagt: Du bist wertvoll. Es ist diese innere Stimme, die wir Selbstachtung nennen und die doch immer wieder zu verstummen scheint. So bleibt sie still, während wir laut über alte Verletzungen nachdenken und dadurch Selbstzweifel nähren. Wir verurteilen uns selbst. Beginnen zu glauben, dass es nicht unser Schicksal sein kann, glücklich zu werden. Vielleicht begehen wir einen Fehler, schlage und danach mit Schuldgefühlen herum – verlieren dann das Vertrauen in uns selbst vollkommen. „Doch von allen Urteilen, die wir im Leben fällen“, schreibt der Psychotherapeut Nathaniel Branden, „ist keines so wichtig wie jenes, das wir über uns selbst fällen.“ So ist die Stimme der Selbstachtung einer unserer wichtigsten Begleiter. Branden geht sogar noch ein Stück weiter und bezeichnet sie als ein menschliches Grundbedürfnis. Genauer: als das Bedürfnis, das Gefühl zu haben, dass wir genug sind.

Das Immunsystem unseres Bewusstseins

Eine positive Selbstachtung, so sagt Branden, schenkt uns Widerstandsfähigkeit, Kraft und die Möglichkeit, uns immer wieder zu erholen. Die meisten Menschen aber unterschätzen ihr Potenzial, zu wachsen und Rückschläge zu verkraften. Sie glauben, dass das Muster von gestern auch das von morgen sein muss. Sie erkennen nur selten, wie viel sie selbst tun können, wenn Wachstum eun ein höheres Selbstwertgefühl ein Ziel ist und sie bereit sind, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen. Der Glaube sie seien machtlos, wird zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Wenn wir glauben, dass es unser Schicksal ist, unglücklich zu sein, so darf unser Bewusstsein nihcht zulassen, dass uns die Realität mit Glück verwirrt. Nicht wir müssen uns der Realität anpassen. Plötzlich muss sich die Realität ans anpassen. Die Möglichkeit, in der Gegenwart glücklich zu sein, kann uns erschrecken. Also brauchen wir den Mut, Glück aufzunehmen. Anzunehmen Paulo Coelho schreibt in den „Schriften von Accra“. „Nur der wird geliebt und geachtet, der sich selber liebt und achtet. Versuche nie, allen zu gefallen, oder du wirst die Achtung aller verlieren.“ Und es sit wahr: Wenn wir uns selbst nicht achten, handeln wir in der Regel so, dass unser Selbstwertgefühl immer weiter sinkt. Wir akzeptieren, dass andere sich uns gegenüber unangemessen verhalten. Bestätigen damit unserer Negativität. Achten wir uns aber selbst, handeln wir so, dass diese Achtung bestätigt und verstärkt wird. Die Art wie wir handeln, erlangt von anderen, in angemessener Weise mit uns umzugehen. Doch Selbstachtung ist nicht zu verwechseln mit der Vorstellung, wir seien perfekt oder allen anderen überlegen. Sie ist weder vergleichend noch konkurrenzorientiert. Sie ist die Überzeugung, dass user Leben und unser Wohlbefinden es wert sind, durch unser Handeln unterstützt, geschützt und gefördert zu werden. Sie ist die Überzeugung, dass unser glück und unsere Persönliche Erfüllung wichtig genug sind, um dafür zu kämpfen. Doch Selbstachtung kann niemals erzwungen werden. Vielmehr ist sie die Folge bestimmter Einstellungen und Lebenspraktiken. Nathaniel Branden nennt sie die sechs Säulen der Selbstachtung. Sie können uns dabei helfen, der Stimme unserer eigenen Selbstachtung wieder mehr Beachtung zu schenken. Denn ein Selbst ist dazu da, um verwirklicht und gefeiert – und nicht, um verleugnet zu werden. Hören wir also auf diese Stimme, die in jedem von uns liegt. Die sagt: „Du bist wertvoll. Du bist genug.“

1.      Bewusst Leben

„Bewusstsein“, so beschreibt es der amerikanische Autor Dr. David Frawley, „ist ein Geheimnis, das über die Dimension der physischen Welt hinaus reicht.“ Es gilt als der höchste Ausdruck des Lebens. Doch Bewusstsein, so glaubt der Psychotherapeut Nathaniel Branden, ist auch stets eine Frage unseres Willens. Wir haben die Option, nach Bewusstsein zu streben; jedem Moment die Aufmerksamkeit zu schenken, die er verdient. Genauso gut aber können wir uns gegen entscheiden. Jeden Tag begegnen uns diese kleinen Wahlen des Lebens; denken oder nicht denken, der Realität ins Auge sehen oder ausweichen. Auf der bewussten Ebene erinnern wir uns nur selten an diese Wahlen, doch tief in unsere Psyche werden unsere Entscheidungen addiert. Und schließlich sind genau das die Erfahrungen, die wir Selbstwert nennen. So machen wir uns ein Bild von uns selbst. Haben ich in der Situation angemessen gehandelt? Kann ich mir selbst vertrauen? Schenken wir unsren Taten, Absichten, Werten und Zielen so stets eine angemessene Aufmerksamkeit – lassen dabei unsere Fähigkeiten nicht aus den Augen, so ist unser Bewusstseinsniveau hoch. Bewusst leben heißt, unseren Verstand aktiv zu nutzen. Die Wahl fällt dann öfter aufs Denken als aufs Nichtdenken. Wie gebe uns nicht der Illusion hin, eine andere Person könne uns unsere Entscheidungen abnehmen. Es bedeutet, in der Gegenwart zu leben und trotzdem nicht drin gefangen zu sein. Wir lernen, zwischen Tatsachen, Interpretationen und Emotionen zu unterscheiden. Legt mein Gegenüber die Stirn in Falten. So kann ich glauben, dass er oder sie wütend auf mich ist, und schließlich völlig verunsichert sein. Doch entspricht dies tatsächlich der Wahrheit? Wenn wir bewusst leben holen wir uns stets Rückmeldung von unserer Umwelt ein – wir legen nicht einen Kurs fest und vertrauen dann vollkommen blind darauf. So können wir erfragen, ob die andere Person tatsächlich wütend oder vielleicht doch nur besorgt ist. Unsere Ängste ändern, nicht die Tatsachen, sie bauen lediglich eine Mauer um uns herum auf. Wenn wir aber darüber nachdenken, welchen Lebensbereich wir bislang zu wenig Bewusstsein schenken, so können wir dies Mauer einreißen. Balance erreichen. Wir müssen uns nur eins fragen: Wo in einem Leben liegen Schmerz und Frustration? Und dann bereit sein zu Ehrlichkeit.

2.      Sich selbst annehmen

Sie ist die Stimme der Lebenskraft. Die Selbstannahme ist einer der wichtigsten Schritte auf dem Weg zu mehr Selbstachtung, denn sie sie ist vollkommen ehrlich. Sie ist der positive, gute Egoismus, den wir im Laufe unseres Lebens weitestgehend abzulegen lernen. Er bedeutet, dass wir auf unserer Seite sind. Dass wir für uns einstehen und unserem Selbst gegenüber eine gewissen Verpflichtung spüren. Selbstannahme ist die Bereitschaft zur Ehrlichkeit – dass wir das denken, was wir denken; das fühlen, was wir fühlen; das getan haben, was wir tatsächlich getan haben; und dass wir sind, wer wir sind. Unsere Emotionen müssen dabei aber nicht das letzte Wort haben. Wir können akzeptieren, dass wir nach einer unruhigen Nacht keine Lust haben, uns morgens auf dem Weg zur Arbeit zu machen. Trotzdem fahren wir los – wir fühlen uns schließlich verpflichtet. Wenn wir auch diese Emotionen annehmen, können wir uns sicher sein, dass wir den Tag nicht mit einem Selbstbetrug beginnen. Nur wenn wir uns auf negative Gefühle einlassen, können wir sei loslassen. Sie tragen sogar dazu bei, dass unsere Selbstannahme wächst. Schließlich sind sie ein Ausdruck unserer selbst. Sie sind ein Teil von uns. Und auf einmal geht es um mehr als nur Akzeptanz. Es geht darum zu erfahren. Unsere Gefühle in unser Bewusstsein aufzunehmen. Dies, so glaubt Branden, hat eine direkte heilende Wirkung auf die Psyche. Dabei müssen wir nicht, wie oft angenommen, alles an uns gutheißen. Oder das Interesse daran verlieren, etwas ändern zu wollen. Im Gegenteil: Selbstannahme ist die Voraussetzung für Verwandlung und Wachstum. Selbstannahme leugnet nicht, doch sie erfragt die Hintergründe. Wenn wir etwas getan haben, das wir hinterher bereuen, so machen wir uns häufig schwere Vorwürfe. Gehen meist härter mit uns ins Gericht als mit anderen. Selbstannahme lehr uns, dass wir unsere Fehler durchaus verurteilen dürfen – trotzdem können wir uns weiterhin ein Freund sein. Uns mit Wohlwollen begegnen. So lernen wir. Können beim nächsten Mal anders handeln. Doch die meisten Menschen leugnen sich nur ihre Fehler, sie leugnen viel öfter noch ihre positiven Seiten. So können unser Ehrgeiz, unsere Fähigkeiten und Talente uns ebenso beängstigen wie unser Schwächen. Hören wir also auf, unsere Größe zu leugnen! Sie ist ein Teil von uns. Es wert, stolz zu sein!

3.    Eigenverantwortlich leben

„Es kommt niemand.“ Ein Satz. Und eine Botschaft. Branden gibt sie beinahe jedem seiner Klienten mit auf dem Weg. Doch eben jener Satz bedeutet niemals Einsamkeit oder Resignation, auch wenn es zunächst so klingen mag. Vielmehr ist er eine Lebenseinstellung. Eine Aufforderung zum Handeln. Denn so glaubt Branden, nur wir sind für die Erfüllung unserer Wünsche verantwortlich. Niemand ist es uns schuldig, dass unsere Hoffnungen erfüllt werden. Wer eigenverantwortlich lebt, der achtet gut auf seine Entscheidungen und sein Handeln. Nur wir allein sind für unser handeln gegenüber anderen verantwortlich. Nur wir können unsere Versprechen halten. Unsere Botschaften sorgsam wählen. Wichtig aber ist: Wir sind keinesfalls für all das verantwortlich, was uns widerfährt. Schließlich hat auch das Schicksal seine Hände mit im Spiel. Wir können nicht alles beeinflussen, was mit uns und um uns herum geschieht. Doch ein eigenverantwortliches Leben setzt eine aktive Lebenseinstellung voraus. Selbstständiges Denken und ein Handeln, das nach dem eigenen Verstand verläuft. Denn wir entscheiden, welche Werte und Vorstellungen wir für unser Leben wählen und übernehmen. Wer eigenverantwortlich lebt, weiß, dass andere Menschen nicht an unserer Seite sind, um uns zu dienen. Wenn wir also möchten, dass andere uns einen Gefallen tun, so müssen wir unsere Beweggründe mit ihnen teilen. Wir lernen, dass Verantwortung etwas durchaus Positives ist. Sie ist keine Last, sondern hilft uns vielmehr dabei, ein Leben zu leben, welches nach unseren Vorstellungen verläuft. Und sie hilft uns auf dem Weg zu mehr Selbstachtung. Wir lernen, uns noch mehr zu vertrauen – und verstehen, dass nur wir unseren Wert bestimmen. „Es kommt niemand.“ Ein Satz. Eine Botschaft. Und doch birgt er so viel Wahrheit in sich.

Es kommt niemand, der unsere Probleme löst. Es kommt niemand, der für unser persönliches Glück verantwortlich ist. Wir sind es. Und das ist gut, denn es bedeutet, dass ein glückliches und erfülltes Leben stets erreichbar ist. Es ist nicht von anderen abhängig und wird nicht von ihnen bedingt. Wir können glücklich sein, wenn wir bereit sind, diese Verantwortung zu tragen. Wir können glücklich sein – aus eigener Kraft heraus.

4.     Sich selbstsicher behaupten

Was geschieht, wenn alles, was wir sind, verborgen bleibt? Wenn all das, was wir uns wünschen, nur wir selbst kennen? Nathaniel Branden ist sich sicher: Selbstachtung ist in diesem Zustand besonders schwer.

So glaubt er an das Prinzip der Selbstbehauptung. Sie bedeutet, dass wir den eigenen Wünschen, Bedürfnissen und Werten Rechnung tragen. Sie praktisch zum Ausdruck bringen. Sie bedeutet weder Arroganz, noch, dass wir uns vordrängeln oder auf unsere Rechte pochen. Doch wir können durchaus selbstbewusst für uns eintreten, offen sein. Authentisch. Wenn wir uns von unseren tiefsten Überzeugungen leiten lassen und dementsprechend handeln, so gewinnen wir an Selbstachtung. Wir können dann eigene Ideen vorbringen. Wir können anderen ohne Probleme Komplimente machen und sie in gleicher Weise annehmen. Aber auch schweigen, wenn wir es für angemessen halten. Selbstbehauptung bedeutet Neugier. Fragen stellen. So, wie wir es als Kinder taten. Kein „Warum“ scheuen. Und schließlich eigenständig über die gegebenen Antworten nachdenken. Sie nicht einfach hinnehmen. Wenn wir uns selbstsicher behaupten, dann gehört unser Leben uns. Es geht nicht mehr nur darum, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Wir können Nein sagen, wenn wir Nein sagen möchten. Aber noch viel wichtiger: Nicht nur das ablehnen, was wir nicht mögen. Sondern für das einstehen, was uns gefällt und was wir uns wünschen. Öfter Ja sagen zu den Dingen, die uns Freude bereiten. Und mögen sie noch so klein, oder für andere ungewöhnlich erscheinen. Wir beginnen unsere Wertvorstellungen in der Welt einzubringen – hören auf, unser Leben zu träumen. Leben einfach. Wir erkenn, dass unser Ideen wichtig sind, keine Hirngespinste oder reine Wunschvorstellungen. Nathaniel Branden schreibt: „Habe Mut zu sein, wer du bist.“ Und es ist wahr: Es erfordert Mut. Und Ausdauer, wenn etwas nicht auf Anhieb funktionieren mag. Doch wenn wir Selbstbehauptung wirklich leben, dann stellen wir uns den Herausforderungen des Lebens. Wir geben nicht einfach auf, wenn wir etwas nicht verstehen. Haben wir also Mut, unsere Bedürfnisse offen zu zeigen. Dann nur dann können wir Selbstsicherheit ausstrahlen.

5.      Zielgerichtet Leben

„Nur wer sein Ziel kennt, findet den Weg.“, schrieb der chinesische Philosoph Laotse bereits vor Jahrhunderten. Es sind eben jene Ziele, die uns weiterringen, glaubt auch Branden. Sie sind es, die unsere Fähigkeiten mobilisieren und uns Auftrieb geben. Die uns in Momenten der Antriebslosigkeit zur Hilfe kommen. So sollten wir uns stets fragen: Was versuche ich zu erreichen? Und wie versuche ich es?

Nur so können wir uns überhaupt bestimmte Dinge vornehmen. Vielleicht sind es kleine Ziele, vielleicht ist es auch ein großer Lebenstraum. Es spielt keine Rolle. Doch ein Leben ohne Ziele, sagt Branden, führt zu Tagträumereien. Und dies wiederum können uns nicht das Gefühl von Selbstwirksamkeit geben.

Wir lernen, die Verwirklichung von Lebenszielen nicht dem Zufall oder dem Schicksal zu überlassen. Wir definieren unsere Wünsche selbst. Nur wir. Arbeiten an ihnen – mit aller Kraft.

Leben wir zielgerichtet, so hören wir auf, nach Ausreden zu suchen. Ausreden, die uns davor bewahren sollen, uns wahrhaftig mit den Gründen unerfüllter Träume auseinanderzusetzen.

Wenn wir versuchen, unsere Ziele zu erreichen, so entdecken wir vielleicht neue Fähigkeiten und Talente, die uns weiterbringen können. Wir lernen, dass wir sie nutze dürfen. Sie nicht leugnen, verstecken oder uns für sie schämen müssen. Wir dürfen jene Fähigkeiten vollkommen ausreizen.

Ein auf Ziele ausgerichtetes Leben respektiert die Gegenwart, ohne dabei die Zukunft aus den Augen zu verlieren. Es bedeutet, langfristig zu denken, zu planen und Konsequenzen abzuwägen. Und lehrt uns, dass wir die Autoren und Gestalter unserer Zukunft sind.

Aber auch zu akzeptieren, dass sich manche Dinge unserer Kontrolle entziehen. Wir dürfen loslassen. Mit dem Ziel, uns zu regenerieren und neue Kraft zu gewinnen.

Die Wurzeln der Selbstachtung liegen jedoch nicht in den Erfolgen. Es sind nicht unsere erreichten Ziele. Es ist die immer wiederkehrende Bereitschaft, sich für die selbst definierten Wünsche einzusetzen. Sie niemals aus den Augen zu verlieren.

Seien wir also aktiv und begeben uns auf die Suche nach neuen Wegen und Möglichkeiten. Denn dann werden wir ankommen. Unsere Ziele erreichen.

6.    Persönliche Integrität

Wann genau schenken wir einem Menschen unser Vertrauen? Woran machen wir Vertrauen fest? Nathaniel Branden weiß: Immer dann, wenn die Worte eines Menschen mit seinem Verhalten übereinstimmen, so beginnen wir ihm zu vertrauen.

Wenn er seine Versprechen hält und zu seinem Wort steht. Gleiches gilt für unser Bewusstsein. Denn im Gerichtssaal unseres Verstandes gibt es nur ein einziges Urteil, das zählt – unser eigenes. Wir selbst können und nicht meiden. Und unsere Selbstachtung können wir nur dann wahren, wenn wir integer sind. Wenn also unser Verhalten mit unseren Wertvorstellungen übereinstimmt, wenn unsere Ideale im Einklang mit unserem Handeln sind. Verhalten wir uns gegenteilig, so verlieren wir das Gesicht vor uns selbst. Verlieren das Vertrauen in uns und damit auch unsere Selbstachtung.

Folgende Fragen können uns dabei helfen, entsprechend unseren werten zu handeln: Bin ich ehrlich, zuverlässig und vertrauenswürdig? Halte ich meine Versprechen? Bin ich fair und gerecht im Umgang mit anderen? Außerdem sollten wir keine Scheu haben, unsere Werte und Maßstäbe zu hinterfragen. Unsere tiefsten Überzeugungen auf die Probe zu stellen.

Natürlich kann uns trotzdem niemand eine Garantie geben, dass wir stets die beste Entscheidung treffen werden. Doch unsere Integrität sorgt dafür, dass wir uns bemühen, eine Lösung zu finden. Auch dann, wenn wir einmal einen Fehler begehen oder jemanden ungewollt verletzen. Schuldgefühle helfen uns hier nicht weiter. Wenn wir tatsächlich verantwortlich sind, so sollten wir zunächst anerkennen, was wir getan haben. Wir bemühen uns zu verstehen, warum wir in diesem Moment gehandelt haben, wie wir es taten. Wenn andere betroffen sind, so bekennen wir uns diesen Personen gegenüber zu unserem Fehler. Schließlich tun wir alles in unserer Macht Stehende, um die Verletzung zu begrenzen. Und wir nehmen uns vor, in Zukunft anders zu handeln. So wahren wir unser Gesicht. Bemühen uns die Verantwortung für unsere Entscheidung zu übernehmen, so können wir ebenso unsere Selbstachtung wahren. An unseren Werten glauben und unserem Selbst vertrauen.

 (Artikel von Lina Knoop,  aus der  HAPPINEZ Nr.7/Jahrgang 9)

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Glaubenssätze

Hurra, der Sommer ist da. Endlich, der erste wirklich schöne warme Tag und es war Samstag. Eine herrliche Gelegenheit im Schatten zu sitzen und Nichts zu tun. Mein Gedanke: „Was machst du da? Ich hatte schon ein paar Sachen erledigt und hatte noch einiges vor, an diesem Tag, aber ich dachte, da setze ich mich jetzt in den Garten und genieße jetzt erst mal eine halbe Stunde diesen ersten schönen warmen Tag.

Ich hatte den Vorsatz gerade gefasst, da kam wie aus dem Nichts: „Erst die Arbeit und dann das Vergnügen.“ Noch vor einiger Zeit hätte mein erster Impuls gesiegt und ich hätte meine restlichen Sachen erledigt. Auch diesmal kamen mir sofort die Dinge in den Sinn, die ich an diesem Tag noch erledigen wollte. Doch aus irgendeinem Grund, war es diesmal nicht so. Im ersten Moment fühlte ich fast eine Art Erschrockenheit über diesen Gedanken. War erstaunt, wie unvermittelt und automatisch dieser Satz mir in den Sinn kam. So, als ob ihn jemand anders mir mahnend vorsagte. Ich war wohl so konditioniert: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!

Mir ist dieser Satz wohl bekannt aus meiner Kindheit und Jugend, ich bin sozusagen damit aufgewachsen und wette, dass es sehr viele Menschen gibt, die damit aufgewachsen sind. Damals war dieser Satz einfach notwendig, um diese Zeiten zu bewältigen. Doch wie seiht es heute damit aus?

Im ersten Moment war es wirklich ein Kampf, diesem Glaubenssatz zu wiederstehen und nicht einfach weiter zu arbeiten. Doch dann dachte ich mir, ne, jetzt erst recht. Ich setze mich jetzt in den Garten und gönne mir eine halbe Stunde, vielleicht wird es sogar länger. Dann musste ich über mich selbst schmunzeln und dachte darüber nach, wie sehr unser Handeln doch immer wieder von unseren Glaubenssätzen bestimmt wird. Ich bin ein erwachsener Mensch und möchte für mich selbst entscheiden. Ich glaube meist merken wir es nicht einmal, weil wir uns dessen gar nicht bewusst sind, oder weil wir so in unseren Tätigkeiten gefangen sind, dass wir gar keine Zeit haben, darüber nachzudenken. Auch für mich war dieser Glaubenssatz bisher immer Gesetz. Ich habe viele Dinge getan, auch für andere Menschen, weil ich glaubte, wenn alles erledigt ist, dann wäre Zeit auszuruhen. Doch meist kam nach den Dingen die getan waren schon die nächsten und so wurde auf Ruhe und Pausen verzichtet. Dass hier natürlich noch weitere Faktoren wie das Streben nach Anerkennung, die Angst vor augenscheinlichem Leistungsverlust vor anderen oder Ähnliches mit hineinspielt ist klar. Aber schon alleine welche Macht so weit zurückliegende Glaubensätze auf uns ausüben hat mich erschrocken, aber auch fasziniert.

Und es ist ja meist nicht so, dass wir beim Nichts tun auch wirklich nichts tun. Wenn es uns wirklich einmal gelingt nichts tun, dann erholt sich unser Kopf und das ist im Grunde auch etwas für uns tun. Meist jedoch haben wir die Chance kreativ zu werden oder einen neuen Weg für uns zu finden. Es lohnt sich also, für uns auf jeden Fall, auch öfter einmal einfach nichts zu tun.

Gerade wenn man Menschen in seiner Umgebung hat, die ständig aktiv sind und ständig auf der Suche nach neuen Ideen und Modellen, aus welchen Gründen auch immer, fällt es sehr schwer, selbst nichts zu tun. Ich kann es im Grunde nicht ertragen, wenn jemand in meiner Gegenwart etwas arbeitet und ich „nur“ rumsitze. Mich packt es dann und ich „muss“ mithelfen. Man packt mal schnell mit an und dann kann man ruhen. – Die Zeit, in der man ruhen wollte ist dann um und es geht weiter.

Ich habe auch noch nicht die ideale Lösung für mich gefunden. Doch ich möchte in Zukunft genauer hinschauen, was sind meine Meinungen, was kommt wirklich aus meiner Überzeugung, aus meinen Gefühlen und Herzen und was sind diese Glaubenssätze, die sich so tief in einem verwurzelt haben. Es ist wohl fürwahr nicht möglich hier eine Unterscheidung zu treffen, es sei denn, so ein Satz, wie eingangs erwähnt, „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!“, kommt genau in diesem Moment zum Vorschein. Drum lohnt es sich genau hinzuschauen und zu prüfen, welche Sätze sollen für mich auch heute noch Geltung haben und welche möchte ich abwandeln und meinem Leben anpassen, nicht umgekehrt. Aber auch welche möchte ich gar nicht mehr in meinem Leben haben.

( von George  Behling)
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Wer sich aufmacht ans Meer

Wer die Straßen hinter sich lässt, wer sich aufmacht ans Meer, der betritt einen Ort der Verwandlung. Irgendwo enden die letzten Steinplatten. Schmale Holzbohlen führen noch näher ans Wasser. Dann nur noch Sand. Und das Meer vor Augen. Der Saum des Landes stellt den Menschen in einen Übergang. Diese Grenze erleichtert ihn. Er begreift, wie begrenzt und endlich alles scheinbar Feste doch ist. Sein Erstaunen setzt ihn ihn Bewegung. Es ist wie oft in Momenten des Glücks. Nichts hält einen mehr auf dem Stuhl. Aus Vielfahrern werden am Ufer wieder Gehende. Eigentümlich ziellos verläuft oft ihr Weg. Er bleibt stehen, hebt eine halb überwehte Muschel auf, reibt den Sand von ihrer unversehrten Rundung und hält sie in einem verstohlenen Augenblick wie in Kindertagen an sein Ohr. Nach einer ganzen Weile hält er wieder inne. Diesmal ist sein Gesicht ganz dem Gischtgewoge zugewandt. Wohin er sieht nur ein unablässig gewellter blauer Spiegel. Lange getragene Lasten rutschen von seinen Schultern. Solche Uferminuten kann keiner festhalten. Sie vergehen und kommen wieder in Atem von Ebbe und Flut. Aber das ist ja gerade ihr Geheimnis.

(Geschichte von Oliver Kohler, aus „Wenn die Seele auf Reisen geht“ – Verlag am Eschbach)

Solche Momente finden wir auch im Alltag, wenn wir mit offenen Augen durch unser Leben gehen. Es einmal schaffen, aus der Industrie- und Konsummühle auszusteigen. Denn im Grunde braucht es nicht viel, um einen solchen Moment zu erleben oder zu kreieren. Als ich diese kleine Geschichte gelesen habe, kam mir ein schöner Song in denn Sinn, den ich mit euch teilen möchte:

Link:  In diesem Moment -Andreas Gabalier&Gregor Meyle


Zwischen Reiz und Reaktion liegt Raum.

In diesem Raum liegt unsere Macht
zur Wahl unserer Reaktion.

In unserer Reaktion liegen unsere
Entwicklung und unsere Freiheit.

                                                        (Viktor Frankl - Österreichischwer Neurologe und Psychologe)

Der König, der angebetet werden wollte

Es war einmal ein König, den hatte die Eitelkeit fast in den Wahnsinn getrieben. Eitelkeit macht die Menschen immer verrückt. Dieser König ließ in seinem Palastgarten einen Tempel bauen und in dem Tempel eine Statue von sich selbst im Lotussitz aufstellen.

Jeden Morgen, glich nach dem Frühstück, ging der König in seinen Tempel, war sich vor seinem Abbild nieder und betete sich selbst an. Eines Tages befand er, dass die Religion, die nur einen einzigen Anhänger besaß, keine rechte Religion sei, und entschied, er müsse mehr Anbeter haben.

Also erließ er das Dekret, dass sämtliche Soldaten der königlichen Leibwache sich zumindest einmal täglich vor seiner Statue niederwerfen sollten. Dasselbe galt für alle Bediensteten wie auch für die Minister des Königreichs. Sein Wahnsinn nahm mit der Zeit immer üblere Ausmaße an, und als die Unterwerfung seiner Untergebenen ihm eines Tags nicht mehr genügte, schichte er die Leibwache zum Markt und befahl ihr, die ersten drei Personen mitzubringen, die ihr begegneten.

An ihrem Beispiel, so dachte er, werde ich beweisen, wie stark der Glaube an mich ist. Ich fordere sie auf, sich vor meinem Abbild zu verneigen. Wenn sie klug genug sind, so tun sie es, und wenn nicht, werden sie mit dem Leben dafür bezahlen.

Die Soldaten der Leibwache brachten einen Intellektuellen, einen Pfarrer und einen Bettler mit, die in der Tat die drei ersten Personen waren, denen sie auf dem Markt begegneten.

Die drei wurden zum Tempel geführt und dem König vorgestellt.

„Dies ist das Bildnis des einzig wahren Gottes“, sagte der König zu ihnen. „Werft euch vor ihm nieder, oder ihr zahlt es mit dem Leben.“

Der Intellektuelle dachte: „Der König ist verrückt und wird mich töten, wenn ich mich nicht verneige. Das ist höhere Gewalt. Niemand kann mich dafür verurteilen angesichts der Tatsache, dass ich es ohne Überzeugung getan habe, allein, um mein Leben zur retten, und im Dienste der Gesellschaft, der ich mich verpflichtet sehe.“ Und er verneigte sich vor dem Abbild.

Der Priester dachte: „Der König ist verrückt geworden, und er wird seine Drohung wahr machen. Ich bin ein Auserwählter des wahren Gottes, und deshalb wird mein spirituelles Handeln den Ort segnen, an dem ich bin. Egal, vor welchem Bild ich es tue, wird es immer der wahre Gott sein, vor dem ich mich verneige.“  Und er kniete nieder.

Nun war der Bettler an der Reihe, der keinerlei Anstalten dazu machte.

„Knie nieder“, sagte der König.

„Majestät, ich bin dem Volk nichts schuldig, das mich offen gestanden meist mit Fußtritten von seinen Türschwellen jagt. Auch bin ich von niemanden auserwählt, außer von den paar Läusen, die auf meinem Kopf überwintern. Ich mag niemanden verurteilen, noch kann ich irgendein Abbild segnen. Uns was mein Leben angeht, so halte ich es nicht für ein derart kostbares Gut, als dass es das wert wäre, sich dafür lächerlich zu machen, nur um es behalten zu dürfen. Deshalb, teurer Herr, gibt es für mich keinen Grund, niederzuknien.“

Man sagt, die Antwort des Bettlers habe den König derart bewegt, dass ihm ein Licht aufging und er begann, sein Verhalten zu überdenken.

Nur dadurch, sagt die Legende, wurde der König geheilt und ließ den Tempel durch einen Springbrunnen ersetzen und die Statue durch riesige Blumenvasen.

(aus „Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“ von Jorge Bucay – Amann Verlag)

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Es muss ein Gleichgewicht zwischen dem Gehirn und dem Herzen bestehen. Ich denke, dass ein herzloses menschliches Wesen mit einem sehr gut funktionierenden Gehirn ein gefährlicher Unruhestifter ist. Ich schätze jemanden, dessen Intelligenz weniger entwickelt ist, der aber ein gutes Herz hat, höher ein.

(aus „Tag für Tag zur Mitte finden“ - Dalai Lama – Herder Verlag)

An einer der Wände in meinem Zimmer hängt eine schöne alte Uhr, die leider nicht mehr geht. Ihre Zeiger sind schon vor ewigen Zeiten stehengeblieben und zeigen ununterbrochen dieselbe Uhrzeit an: Punkt sieben Uhr.

Die meiste Zeit ist diese Uhr nur ein nutzloser Schmuck an einer leeren weißen Wand. Trotzdem gibt es zwei Momente am Tag, zwei flüchtige Augenblicke, in denen die alte Uhr aufzuerstehen schein wie Phönix aus der Asche.

Wenn alle Uhren der Stadt in ihrer einwandfreien Gangart sieben Uhr anzeigen und ihre Kuckucks und Läutwerke sieben Mal ihren Klang vernehmen lassen, scheint die Uhr in meinem Zimmer langsam zum Leben zu erwachen. Zweimal am Tag, morgens und abends, fühlt sie sich in komplettem Einklang mit dem Rest des Universums.

Jemand, der die Uhr in genau diesen Momenten ansieht, müsste denken, dass sei perfekt funktioniert… Aber sobald dieser Moment vorbei ist, wenn die übrigen Uhren ihren Klang einstellen und die Zeiger weiter ihren monotonen Gang gehen, verliert meine Uhr ihren Schritt und verharrt treu dort, wo sie einst stehengeblieben war.

Ich mag diese Uhr. Und je mehr ich von ihr rede, desto lieber wird sie mir, weil mir immer deutlicher wird, wie sehr ich ihr ähnle.

Auch ich bin irgendwann einmal stehen geblieben. Auch ich fühle mich starr und unbeweglich. Auch ich bin irgendwann bloß nutzloser Schmuck an einer leeren Wand.

Aber ich genieße auch diese flüchtigen Momente, in denen auf mysteriöse Art meine Stunde gekommen ist. Dann fühle ich mich sehr lebendig. Alles scheint mir klar und die Welt ein wunderbarer Ort. Ich kann schöpferisch sein, träumen, fliegen und mehr fühlen uns sagen als in der ganzen übrigen Zeit. Solche Momente glücklicher Übereinstimmung gibt es immer wieder, in unbeirrbarer Folge.

Beim ersten Mal habe ich versucht, diesen Auenblick anzuhalten, damit er für immer bleibe. Abe es war vergeblich. Wie meinem Freund, der Uhr, entschwand auch mir die Zeit der anderen.

Waren die Momente vorbei, gingen die anderen Uhren in den anderen Menschen weiter ihren Gang, und ich kehrte zum meiner todesstarren Routine zurück. Zu meiner Arbeit, meinen Kaffeehausgesprächen, ich ging weiter meinen langweiligen Trott, den ich gewohnheitsmäßig Leben nannte.

Aber ich weiß, dass das Leben etwas anderes ist. Ich weiß, dass das wahre Leben die Summe solcher flüchtigen Momente ist, in denen wir uns im Einklang mit der Welt fühlen.

Fast jeder bedauernswerte Mensch glaubt, dass er lebt. Es gibt bloß einzelne Momente der Fülle, un diejenigen, die das nicht wissen und daran festhalten, immer leben zu wollen, werden an die grauen und immergleiche Alltagswelt festgekettet bleiben.

Deshalb mag ich dich, alte Wanduhr. Weil wir gleich sind, du und ich.

(aus „Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“ von Jorge Bucay – Amann Verlag)

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Der Apfelbaum

Vier Yogaschüler tragen sich unter einem Apfelbaum. Obwohl sie seit vielen Jahren einmal die Woche zusammen Yoga praktizierten und sich gemeinsam intensiv mit der Yogaphilosophie beschäftigten, waren sie immer noch sehr von ihren subjektiven Sichtweisen auf die Welt geprägt. Dies wurde besonders deutlich, als sie sich über den Apfelbaum unterhielten.

Der eine, ein begnadeter Koch, sah die roten prallen Äpfel und sagte: „Aus diesen saftigen Äpfeln werde ich bald einen köstlich schmeckenden Apfelkuchen zubereiten.“

Der zweite Yogaschüler, ein träger, älterer Hausmeister hingegen meinte: „Oh je, wenn der nächste Regen kommt, muss ich alle Blätter zusammenzukehren. Darauf habe ich keine Lust.“

Der Dritte war ein ausgezeichneter Schreiner. Er teilte den anderen mit: “Dieser Baum hat gutes Holz. Daraus kann ich schöne Möbel schnitzen, die viele Menschen erfreuen werden.“

Der vierte Schüler war Maler und sprach beim Anblick des Apfelbaums: „Diesen Baum werde ich malen.“ Und er dachte mit keiner Sekunde daran, was er mit den Äpfeln, dem Laub oder dem Holz machen könnte. So sah jeder den Teil der Wirklichkeit, der zum eigenen kleinen Universum gehörte.

(aus „Alles ist Yoga“ von Doris Iding erschienen im Schirner Verlag 2010)

Doris Iding ist Ethnologin M.A. und beschäftigt sich seit über 20 Jahren intensiv mit der bewussten Integration verschiedener spiritueller Traditionen im Alltag. Für sie ist Spiritualität nur dann von Nutzen, wenn sie Eingang findet in das Leben und die Arbeit des spirituell Praktizierenden.

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Vorsicht vor negativen Bildern

Liefern wir dem Unterbewusstsein symbolkräftige Bilder, dann kann es gar nicht anders, als zu verwirklichen, was wir ihm zeigen, denn wir benutzen damit seine Sprache. Es ist immer wieder faszinierend, zu beobachten, wie das Unterbewusstsein die Macht besitzt, alles Realisierbare, was wir ihm wiederholt bildhaft zeigen, zu manifestieren. Seien wir als vorsichtig, dem Unterbewusstsein negative Bilder über uns selbst oder angstvolle Zukunftsvisionen zu übermitteln. Es unterscheidet nämlich nicht zwischen dem, was wir uns wünschen, und dem, was wir fürchten.

Wenn wir ihm Bilder oder auch nur die Beurteilung eines visuellen Eindrucks geben, nimmt es das als reale Information.

Doch es kommt es auch auf den Kontext an. Während ein großer, mächtiger Baum ein unzweideutiges Symbol für Stabilität und langsames, aber stetiges Wachstum ist, gibt es viele Bilder, mit denen verschiedene Menschen Unterschiedliches verbinden. Dem können beispielsweise Erfahrungen oder Glaubenssätze zugrunde liegen. Aus einem ursprünglich neutralen Bild kann so ein negatives werden.

Falls sie also in der neuen weißen Jeans vor dem Spiegel stehen und denken: „Meine Güte, hab ich einen fetten Po!“, wird das Unterbewusstsein als Information aufnahmen, dass Sie dick und hässlich sind, verbunden mit dem mitgelieferten Gefühl des Missfallens. Mit diesem im Hintergrund abgespeicherten >>Wissen<<, scheinbar unattraktiv und nicht liebenswert zu sein, wird die Laune erheblich sinken, oder?

Sie können dem Unterbewusstsein aber ebenso gut eine positive Beurteilung des visuellen Eindrucks geben: „Klasse, in der weißen Jeans sehe ich sehr feminin aus.“ Das Unterbewusstsein merkt sich, dass Sie schön und liebenswert sind. Damit mögen Sie sich und sind selbstbewusst und fröhlich. Da wir weibliche Wesen selten an einem Mangel an Selbstkritik leiden, lassen wir uns ohnehin noch genügend „Korrekturmaßnahmen“ einfallen …

Sobald wir die Sprache des Unterbewusstseins kennen und anwenden, erschließen wir uns kreative Fähigkeiten, ein wunderbares Selbstwertgefühl und ursprüngliche Lebensfreude, die vielleicht schon viel zu lange verschüttet sind. Die Bilder, mit denen wir das erreichen, wirken heilsam und harmonisierend auf Psyche, Lebensgefühl und Gesundheit.

(aus „Meditation mit inneren Bildern“ von Gabriele Rossbach, erschienen im Gräfe und Unzer Verlag 2017)

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Die drei dämonischen Lehrlinge

Eine alte indische Legende erzählt von drei Lehrlingen des Bösen.

Bevor sie aufbrachen, um das Böse unter die Menschen zu bringen und die Menschen in Versuchung zu führen, mussten sie ihrem Meister ihre Strategie vortragen:

Der erste Lehrling erzählte: „Ich werde die Menschen überzeugen, dass es Gott gar nicht gibt.“

Der Meister gab ihm folgendes zur Antwort: „Damit wirst du keinen sonderlichen Erfolg haben.  Die meisten Menschen wissen instinktiv, dass es einen Gott gibt, in welcher Form auch immer. Sobald sie in sich selbst hineinfühlen, erkenne sie das göttliche und wissen, dass es einen Gott gibt. Deshalb wirst du wohl nicht viele Menschen auf die Seite des Bösen bringen.“

Der zweite Lehrling tat seine Devise kund: „Ich werde den Menschen erzählen, dass die Geschichte der Hölle frei erfunden ist und es sie gar nicht gibt. Sie werden dadurch das Gefühl bekommen, dass sie alles machen können, was sie möchten. Egal wie schlimm die Tat ist, sie brauchen keine Strafe zu fürchten und können ihre Tat genießen.“

Auch bei ihm war der Meister nicht wirklich zufrieden, er entgegnete: „Auf diese Weise wirst du kaum Menschen für uns gewinnen können. Der aufgeklärte Mensch weiß heute doch, dass es etwas gibt, was seine Tat nach sich zieht. Er weiß, dass sich Karma immer erfüllt und er auch für seine böse Tat entsprechend immer einen Preis zu zahlen hat.“

Nun war der dritte Schuler an der Reihe. Ein besonders fleißiger Schüler während seiner Ausbildung und er erzählte: „Ich werde den Menschen das Gefühl vermitteln, dass ihnen unendlich viel Zeit zur Verfügung steht.  Ich nehme ihnen die Gedanken an das Endliche. So wägen sie sich in Sicherheit und glauben, sie können getrost all das Gute, was sie tun möchten auf später verschieben können. Ich werde ihnen einreden, dass es nichts gibt, was sie hier und jetzt tun müssen, später ist auch noch ein Tag.“

Da war der Meister begeistert und erwiderte: „Mach dich sofort ans Werk! Du wirst Erfolg haben! Es werden ganz viele sein, die das annehmen und den bequemen Weg einschlagen, das Gute irgendwann zu tun. Auch wenn sie spüren, es müsste gleich getan werden. Sie spüren vielleicht sogar Mitgefühl mit ihren Mitmenschen, werden sich aber sagen, das kann ich ja irgendwann wieder gut machen. So werden sie das Böse auf der Stelle tun, in der Absicht es später wiedergutzumachen.“

(frei nacherzählt)

Wenn du einmal in dich hinein spürst, wie oft gehen wir wirklich so mit unseren Mitmenschen oder unserer Umwelt um? Und was ich noch viel interessanter finde, wie oft gehen wir so mit uns selbst um? Wir wissen und spüren was uns im Moment wirklich gut täte, aber entscheiden uns dann letztendlich doch dagegen oder einfach für etwas anderes. Wir können ja morgen damit anfangen, oder wir können es ja morgen tun. Ob es um Ernährung, eine Aufgabe oder einfach darum geht mal ein schönes Buch zu lesen, anstatt jeden Abend vor der „Klotze“ zu verbringen. Oder einfach mal etwas früher zu Bett gehen, um ausgeschlafen zu haben. Ob wir in der Mittagspause mal nach draußen gehen. Vielleicht mal wieder einen lieben Menschen treffen, alte Freunde, oder jemanden einfach mal etwas Nettes sagen. "Heute ...., morgen fang ich dann mit ... an." Es gibt so viele Dinge, die wir gerne machen würden, aber den richtigen Moment verpassen. Man verpasst es sich bei jemanden zu melden, dann kommt noch das schlechte Gewissen hinzu und man meldet sich lieber gar nicht mehr und so verrinnt die Zeit ohne den Momente wirklich genutzt zu haben.

Wann ist denn der richtige Zeitpunkt? – Der richtige Zeitpunkt ist JETZT!

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Die Affen und der Affengeist

An einem Feiertag erhielt das buddhistische Kloster Besuch von einem Affen. Zu diesem Anlass würden so viele Leute mit wohlschmeckenden Opfergaben kommen, hatte er sich gedacht, dass für ihn dabei bestimmt ein gutes Mittagessen herausspringen würde. Vielleicht würde ja jemand eine Mango fallen lassen oder einen Apfel vergessen.

Während er so vor der großen Halle des Klosters herumlungerte, bekam er zufällig mit, dass drinnen ein alter Mönch einen Vortrag über den „Affengeist“ (Monkeymind) hielt. Das könnte ja ganz spannend sein, dachte sich der Affe, und hörte zu.

„Unter den Affengeist“, sagte der Mönch, „versteht man einen unruhigen Geist, der von Hölzchen und Stöckchen kommt, genau wie die Affen im Dschungel immer von einem Ast zum nächsten springen. Es ist ein schlechter Geist, der durch die Praxis der Meditation zurechtgerückt werden muss, damit er seinen Frieden finden kann.“

Als der Affe das hörte, dass der Affengeist etwas Schlechtes sei, wurde er böse. „Was soll denn heißen: der Affengeist ist ein schlechter Geist! Schließlich bin ich ein Affe und mein Geist ist völlig in Ordnung. Diese Menschen beleidigen uns. Das ist ungerecht. Er ist einfach nicht richtig. Ich muss dringend etwas gegen diese ungeheuerlichen Diffamierungen tun!“ Dann schwang er sich von Ast zu Ast durch den Wald nach Hause, um bei Freunden seinem Ärger Luft zu machen.

Bald war die ganze Affenbande auf den Beinen, sprang auf und nieder und kreischte wild durcheinander. „Wir lassen uns doch nicht beleidigen! Das ist Artendiskriminierung! Wie können sie es wagen! Wir beschweren und beim WWF und lassen uns von denen einen Anwalt geben! Schließlich haben wir Affen auch unsere Rechte!“

„Stopp!“, befahl der Anführer. „Versteht ihr denn nicht? Dieser Mönch hat vollkommen recht. Schaut euch doch nur an: Ihr springt da wie blöd auf und nieder und veranstaltet einen Heidenlärm. Das kommt dabei raus, wenn man einen Affengeist hat. Ihr könnt einfach nicht stillsitzen, ihr Affen!“

Die Affen erkannten, dass ihr Anführer die Wahrheit sagte. Sie alle warn mit einem Affengeist gestraft und würden nie ihren Frieden finden. Sie ließen die Köpfe hängen und brüteten schweigend vor sich hin.

„Hey!“, meldete sich der Affe zu Wort, der im Kloster gewesen war. „Mir ist da gerade eine Idee gekommen. Dieser Mönch hat gesagt, dass man den Affengeist überwinden und zur Ruhe kommen kann, wen man nur meditiert.“

Glücklich waren die Affen bald wieder auf den Beinen, sprangen auf und nieder und kreischten alle wild durcheinander. „Ja! Cool! Auf, lasst uns meditieren, Kommen wir zur Ruhe!“

Nach einer Weile war einer der Affen die Frage auf: „So und wie geht da nun, das Meditieren?“

„Als Erstes müssen wir und ein Kissen zum Draufsitzen suchen!“, meinte ein Affe.

„Ja! Cool! Suchen wir uns Kissen!“ Nach vielem Gespringe und Gekreische machten sie sich auf den Weg in den Wald, wo sie Gräser und weiche Blätter einsammelten, aus denen sie improvisierte Zafus machten, wie man die buddhistischen Meditationskissen nennt.

„Und was machen wir jetzt?“

„Hockt euch auf die Kissen“, befahl der Affe, der im Kloster gewesen war. „Schlagt die Beine übereinander, legt die rechte Pfote in die linke, dabei berühren sich die Daumen ganz leicht. Haltet den Rücken gerade. Schließt die Augen und beobachtet eurem Atem.“

Dies war das erste Mal in der Geschichte, dass Affen meditieren. Nie zuvor hatte im Wald eine solche Stille geherrscht. Nur was sie leider nicht von Dauer.

„Entschuldigt mal kurz!“, unterbrach einer der Affen. Alle schlugen die Augen auf. „Mir ist da eben was eingefallen. Eigentlich wollten wir heute wollten wir heute zum Mittagessen alle über die Bananenplantage herfallen, wisst ihr noch? Ich krieg das jetzt einfach nicht mehr aus dem Kopf. Was meint ihr, wollen wir nicht erst noch mal kurz zur Plantage, damit das erledigt ist, und dann meditieren wir?“

„Klar doch! Cool! Spitzenidee!“, brüllen die anderen Affen, fingen schon wieder an, auf und nieder zu springen und dann ging´s ab auf die Plantage.

Sie klauten jede Menge Bananen, legten sie alle auf einen großen Haufen und begaben sich dann zu ihren Meditationskissen zurück. Sie hockten sich hin, kreuzten die Beine, legten behutsam die rechte Pfote über die linke, strafften den Rücken, schlossen die Augen und nahmen ihre Meditation wieder auf.

Nach zwei Minuten hob ein anderer Affe die Hand. „Entschuldigt mal kurz. Mir ist da auch was eingefallen. Bevor wir die Bananen futtern können, müssen wir sie  ja auch noch schälen. Lasst uns das erst erledigen, dann kann ich auch wieder in Ruhe meditieren, ohne ständig daran denken zu müssen.“

„Aber klar doch! Cool! Daran haben wir auch schon gedacht“, brüllte der Rest der Affenbande. Also sprangen sie mal wieder auf und nieder, kreischten und schälten die Bananen.

Nachdem das geschehen und die Früchte erneut säuberlich auf einen Haufen gelegt waren, begaben sich die Affen zu ihren Kissen zurück. Ein weiteres Mal hockten sie sich hin, kreuzten die Beine, legten die rechte Pfote behutsam in die linke, strafften den Rücken, schlossen die Augen und beobachteten den natürlichen Fluss des Atems.

„Entschuldigt mal kurz!“, rief schon nach einigen Sekunden der dritte Affe. „Aber mir ist auch was eingefallen. Bevor wir die Bananen futtern können, müssen wir sie uns erst mal ins Maul schieben. Lasst uns das erst erledigen, dann können wir in nachher auch in aller Ruhe meditieren, ohne daran denken zu müssen.“

„Klar! Cool! Was für eine brillante Idee!“ Alle Affen sprangen auf und nieder, veranstalteten eine Höllenradau und steckten sich eine Banane ins Maul. Ein paar auch zwei oder sogar drei. Manche Affen sind eben auch nicht anders als manche Menschen. Allerdings futterten sie die Bananen noch nicht. Sie hatten nur etwas erledigt, damit sie später nicht mehr ständig daran denken mussten und den Kopf zum Meditieren frei hatten.

Anschließend hockten sie sich wieder auf ihre Kissen, kreuzten die Beine, legten die rechte Pfote behutsam in die linke, strafften den Rücken, schlossen die Augen und nahmen mit den Bananen im Maul die Meditation wieder auf.

Nachdem aber alle die Augen geschlossen hatten, wurden die Bananen natürlich sofort aufgefuttert. Dann standen die Affen auf und machten sich davon. Das war das Ende ihrer ersten und einzigen Meditationssitzung.

Jetzt wissen wir auch, warum es uns Menschen so schwerfällt, zur Ruhe zu kommen. Denn die meisten von uns haben einen Affengeist, und das bedeutet:

Ich erledige das nur noch kurz, dann setze ich mich ganz ruhig hin und meditiere.

(aus „Der Elefant, der das Glück vergaß“ von Ajahn Brahm – Lotos Verlag)

Ajahn Brahm geboren 1951 als Peter Betts in London, studierte theoretische Physik an der Universität von Cambridge und ist seit mehr als 30 Jahren buddhistischer Mönch. Neun Jahre lang lebte, studierte und meditierte er in einem thailändischen Waldkloster und den Ehrwürdigen Mister Ajahn Chah. Heute ist Ajahn Brahm Abt des Bodhinyana-Klosters in Westaustralien und einer der der bekanntesten buddhistischen Lehrer unserer Zeit. Sein Buch Die Kuh, die weinte wurde er weltweit zum Bestseller.

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Warum wir lügen

„Ist ihnen nicht klar“, sagte der Richter in einem Mordprozess zum Angeklagten, „dass auf Falschaussagen eine sehr hohe Strafe steht?“
„Doch“, entgegnet der Beschuldigte, „aber die ist lange nicht so hoch wie bei einem Tötungsdelikt.“

Das erklärt, warum die Menschen oft lügen: weil die Strafe dafür gewöhnlich viel geringer ausfällt als die Strafe dafür gewöhnlich viel geringer ausfällt als die, die mit dem Sagen der Wahrheit verbunden wäre.
So suchte vor einigen Jahren einmal ein junges Mädchen meinen Rat, weil sie von ihrem Freund schwanger war. „Warum wenden Sie sich damit nicht an Ihre Mutter oder Ihren Vater?“, erkundigte ich mich.
„Machen Sie Witze?“, gab sie mir zurück. „Die würden mich umbringen!“
Also belog sie ihre Eltern lieber.
Es ginge auf unserer Welt weit glücklicher und gerechter zu, wenn Ehrlichkeit so hoch bewertet würde, dass die Strafe dafür, die Wahrheit zu sagen,
immer geringer ausfiele, als die für die Lüge.  Die einzige Möglichkeit, dies zu erreichen, wäre eine allgemeine Amnestie, Straffreiheit für alles, solange nur die Wahrheit gesagt wird.
Dann können die Söhne und Töchter ihren Eltern gegenüber auch die beschämenden Dinge eingestehen, denn sie wüssten ja, dass sie nicht dafür bestraft, nicht einmal getadelt würden, sondern dass sei Hilfe erhielten. Wenn Kinder in Schwierigkeiten geraten, brauchen sie in erster Linie die Unterstützung ihrer Eltern. Unter den jetzigen Umständen aber haben sie viel zu viel Angst, sich ihnen anzuvertrauen. Auch Ehepartner könnten einander in vollkommener Ehrlichkeit begegnen und ihre Probleme auf diese Weise lösen, statt unter den Teppich zu kehren.
Eines möchte ich allen Eltern, die diese Geschichte lesen, hinter die Ohren schreiben: Bitte sagt euren Kindern, dass ihr sei, wenn sie die Wahrheit sagen, nie bestrafen und ihnen keine Vorhaltungen machen werdet, was immer sie auch getan haben mögen.
Und dies geht an alle Paare: Versprecht einander, dass in eurer Beziehung die Ehrlichkeit über alles geht und ihr dass ihr nie mit Bestrafungen und Drohungen reagieren werdet, nicht einmal auf einen Seitensprung, sondern dass ihr euch eure Schwächen vergeben, gemeinsam daran arbeiten und alles dafür tun werdet, dass sich derartige Vorfälle nicht wiederholen.
Und dann haltet dieses Versprechen.

Wo Strafe droht oder auch nur die Rüge, wird die Wahrheit nie gesagt werden.

Deshalb kennen wir im Buddhismus keine Strafen.

Nach den Jahren der Apartheid in Südafrika brauchte es den moralischen Mut und die Weisheit von Führungspersönlichkeiten wie Nelson Mandela und Erzbischof Tutu, um die erste Wahrheits- und Versöhnungskommission ins Leben zu rufen. Sie hatten verstanden, dass die Enthüllung dessen, was sich in jenen brutalen Jahren tatsächlich abgespielt hatte, wichtiger war als die Bestrafung der Täter.

In diesem Zusammenhang gibt es eine Episode, die ich auch heute noch als inspirierend empfinde. Ein weißer Polizeibeamter legte ein Geständnis ab und beschreib in allen Einzelheiten, wie er einen politischen Aktivisten schwarzer Hautfarbe gefoltert und schließlich getötet hatte. Er machte die Aussage in Anwesenheit der Witwe des Ermordeten.
Ihr Mann hatte als vermisst gegolten, und nun hörte die Frau zum ersten Mal, was mit dem Menschen, dem ihre ganze Liebe galt, dem Vater ihrer Kinder, wirklich geschehen war.

Während er sich zur eingehenden Schilderung der bösartigen Grausamkeit seiner Taten zwang, weinte der Polizeibeamte und zitterte am ganzen Leib. Als er sein Geständnis beendet hatte, sprang die Witwe über die Absperrung, die die Zeugen vor Angriffen schützen sollte, und rannte geradewegs auf den Mörder ihres Mannes zu. Die Wärter waren so verdutzt, dass sie nicht gleich reagieren konnten.

Der schuldbewusste Polizeibeamte rechnete mit einem gewalttätigen Racheakt der Witwe und hätte ihn klaglos über sich ergehen lassen. Doch die Frau wollte ihn gar nicht angreifen. Vielmehr nahm sie den Mörder ihres Mannes, der nur stocksteif dastand, sanft in ihre starken schwarzen Arme und sagte: „Ich verzeihe Ihnen.“ So bleiben die beiden eine Weile stehen, tief versunken in dieser Geste der Versöhnung. Allen Anwesenden kamen die Tränen, lange konnten sie gar nicht aufhören zu weinen. Die Vergebung des Unverzeihlichen gab ihnen Hoffnung. Hoffnung daruf, dass ein harmonisches Zusammenleben der Angehörigen verschiedener Rassen auch in ihrem Land möglich wäre. Und dass sie in Zukunft oder Angst würden leben können.

Wenn man den brutalen Folterer und Mörder einer geliebten Person verzeihen kann, welche Tat sollte man dann nicht vergeben können.

Nur wo es Vergebung gibt, kann es auch Wahrheit geben.

(aus „Der Elefant der das Glück vergaß“ von Ajahn Brahm – Lotos Verlag)

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Verlieb dich ins Leben …

… mit jeder Faser deines Seins, verliebe dich in dein Leben. Öffne deine Arme und dein Herz für alles, was das Leben noch für dich bereithält. Für alle Wunder, alle Herausforderungen, jeden Abschied und alle Neuanfänge, für alle Momente der Freude und alle Momente der Trauer, für Erfolge und für Niederlagen, für Annehmen und für Loslassen, für Ja- und auch Neinsagen, für das Gestern, das Morgen und vor allen Dingen für das Heute. Das Leben hat nicht den Anspruch, dass immer alles nice und easy ist. Das Leben hat den Anspruch, dass du lebst. Und zwar ganz. Mit allen Facetten, allen Farben und Tönen, allen Hochs und allen Tiefs. Das ist das Leben. Das Leben macht das nicht, weil es dich nicht mag, das Leben macht das, weil es dich liebt und weil es weiß, dass du als Mensch genau für diese Erfahrung gemacht wurdest. Du bist hier um zu wachsen, zu erfahren, zu leben, zu sein und zu lieben. Das ist die Aufgabe, die wir hier alle haben. Verliebe dich ins Leben und all seine Schönheit, all seine Möglichkeiten und all seine Vielfalt. Es ist ein Geschenk für dich.

(aus „Rise Up & Shine“ von Laura Malina Seiler – Rowohlt Taschenbuch Verlag)

Der frische Frühling lässt mein inneres Kind vor Leben sprühen

Heute spüre ich, wie die stürmische, fruchtbare Lebensenergie im Inneren pulsiert. Die grüne erstarkende Frühlingsenergie kreist in meinem Blutstrom. Jede Zelle meines Körpers bricht auf und weitet sich. Ich höre Musik in den Lauten der Natur. Meine Augen sind erfüllt vom Glanz der Farben des Lebens. Blumen rufen mich und fordern ich auf, mit ihnen die Herrlichkeit des Lebens zu feiern.

Ich möchte der Welt meine Freude durch Tanzen, Lachen und Singen kundtun. Mein inneres Kind befreit sich mit aller Macht, glücklich und lebendig zu sein. Ich heiße es mit offenen Armen willkommen. Heute werden wir zusammen im Rhythmus des Lebens tanzen.

(aus „Liebe dein inneres Kind“ von Rokelle Lerner – Goldmannverlag 2017)

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Stillstand ist Rückschritt

Diese Worte sprach kürzlich eine Yogalehrerin zu ihren Schützlingen. Ich weiß, dass der Satz aus dem Zusammenhand gerissen ist und ich ihn nur durch Übermittlung gehört habe. Aber ich hab festgestellt, dass mich dieser Satz: „Stillstand ist Rückschritt.“, ganz schön empört hat. Ich weiß gar nicht, warum mich dieser Satz so nervt. Könnte mir eigentlich ja auch völlig egal sein.

Aber nein, mir geht es darum dass es immer wieder erforderlich ist, inne zu halten, still zu stehen, um dann wieder mit neuer Energie starten zu können.

In unserer schnelllebigen Zeit, die immer schneller gehen muss, fühlen sich immer mehr Menschen überfordert und einfach aufgebraucht und kraftlos.

Wenn wir die Natur beobachten, dann zieht sich alles im Winter zurück, die Tiere machen einen Regenerationsschlaf, die Pflanzen ziehen sich zurück, die Menschen zogen sich früher zurück, gingen früher in ihre Betten, pflegten ihre Kleidung und setzten ihre Werkzeuge wieder in stand für den nächsten Frühling. Und der heutige Mensch in seinem Tempo des Lebens und der Entwicklung denkt, wir müssen immer und zu jeder Zeit Vollgas geben. Wir könnten ja was verpassen, oder es könnte uns jemand überflügeln. Mit diesen Einstellungen, stressen wir schon die Kleinsten, ohne ihnen die Zeit zu geben, die sie zum Wachsen brauchen. In der Anthroposophie spricht man davon, dass der Körper die ersten sieben Jahre seine Kräfte benötigt, um sich auszubilden. Mit sieben Jahren sind dann die Organe ganz ausgebildet und müssen nur noch wachsen. Nun ist die Zeit gekommen, in der der Intellekt angesprochen werden sollte. Aber wir wissen ja viel besser, was für unsere Kinder gut ist und alt hergebrachtes wird ohne wirkliches Wissen über den Haufen geworfen. Nun muss ich leider ein wenig abschweifen. Wir packen in unsere Schulen EDV, um unsere Kinder zu unterrichten. Es wäre wohl viel sinnvoller, das Geld in Lehrer und Schulen zu investieren, damit die Kinder Gegenstände haben, um zu „begreifen“. Denn Begreifen, kommt von greifen und nur so können unsere Kinder was sie lernen sollen auch behalten und umsetzten. Durch Tastengeklimper wurde noch keine Karotte aus der Erde gezogen oder keine Kuh gemolken. So, aber nun wieder zurück zu meinem Thema.

Wir wundern uns, warum immer mehr Menschen erschöpft sind. Wir gönnen uns keine Pausen, sind überall und jederzeit erreichbar. Begeben uns in Endlosunterhaltungen mit unzähligen Menschen über die ganzen Messenger.

Wir sollen immer mehr Aufgaben in weniger Zeit erledigen. Und wenn wir das nicht schaffen, wartet schon der nächste auf seine Chance. Dazu müssen wir alle noch Helden sein, denn schwach und vielleicht auch mal etwas nicht können, gibt es nicht. Selbst in der Partnerschaft, wird verlassen, wenn etwas nicht so läuft wie man es möchte. So stehen wir ständig unter Strom. Und wenn mal Zeit wäre sich zu erholen und Kraft zu tanken, nutzen wir dies für etwas Sinnvolles? Denn einfach da zu sitzen und „nichts“ zu tun ist ja Zeitverschwendung. „Stillstand ist Rückschritt.“ Selbst wenn wir nichts tun, passiert ganz viel in uns. Selbst wenn wir schlafen, arbeitet es in uns. Oder wie sonst kommt es zu Stande, dass wir am Morgen aufwachen und plötzlich eine gute Lösung für ein Problem haben? Weil unser Unterbewusstsein in dieser Nacht richtig viel gearbeitet hat, um eine Lösung zu finden.

So ist es absolut wichtig, auch mal Nichts zu tun! Jeder „Kämpfer“ braucht seine Pause, um wieder zu Kräften zu kommen. Wie oft schnaufen wir erst einmal durch, um dann wieder mit neuer Kraft und Energie weiter zu machen.

Wie oft machen wir keine richtige Pause, oder lassen sie ganz ausfallen? Wie oft lassen wir in einer Pause wirklich los, beschäftigen uns nicht mit der Arbeit, sondern haben eine entspannte Unterhaltung über ein völlig anderes Thema? Wir sind immer irgendwie präsent und angespannt. Solange es läuft, macht uns das auch nichts aus. Wir haben positiven Stress, der und vielleicht sogar noch pusht und zusätzliche Energie frei setzt. Aber wir vergessen, dass wir nach jeder Anstrengung auch eine Pause benötigen. Aber wir erledigen unsere Arbeit effektiver und schneller und nach dem Projekt, der Aufgabe kommt gleich die Nächste. Und was passiert, wenn es mal nicht optimal läuft? Wenn wir plötzlich nicht mehr von der Welle, dem Flow, getragen werden? Wenn wir nun zusätzliche Energie benötigen, um einen Kraftakt zum Guten zu vollziehen? Diese Energie ist nicht mehr da. Wie sollte sie auch, wir haben uns ja keine Pausen gegönnt, waren ja nicht nötig.

Jetzt spüren wir, dass wir nichts mehr haben, um noch einmal zuzulegen. Es entsteht Frust und dies führt zu einer regelrechten Spirale nach unten. Aus dem Frust wird Enttäuschung und Verzweiflung. Wir fühlen uns leer und ausgepowert, haben wir doch ständig alles gegeben und nun geht nichts mehr. Letztendlich können wir nur noch versuchen rechtzeitig die Reisleine zu ziehen. Dies gelingt aber dann auch meist nicht rechtzeitig, oder ist aufgrund der äußeren Umstände, wie Lebensstil oder Verschuldung nicht möglich.  Es kommt, was kommen muss – die Depression. Oder nennen wir es Burn Out, denn das hört sich besser an. Denn wer Burn Out hat, der hat vorher immens viel geleistet und ist nun erschöpft.  Das klingt viel besser als Depression, aber letztendlich handelt es sich um eine Depression. Aber das Wort Depression ist negativ behaftet.

Für mich ist es absolut wichtig, sich auch Pausen und Innehalten zu erlauben, um immer wieder mit neuer voller Energie und Freude sein Leben gestalten zu können. Vielleicht haben wir manchmal etwas weniger von dem, was wir haben könnten - aber wir sind zufrieden.

Was nutzt die tolle Anschaffung, wenn wir damit Menschen beindrucken wollen, die uns sowieso im Grunde in dieser Hinsicht völlig egal sein könnten. Es wäre viel schöner, mal ein wenig Zeit zu haben, um mit den Menschen zu reden oder ein Glas Wein zu trinken, statt ihnen aufgrund von falschen Vorstellungen imponieren zu wollen.

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Das Sankhya beschreibt Gedanken als Pakete potentieller Energie, die sich immer mehr verfestigen, wenn günstige Bedingungen vorhanden und Hindernisse ausgeräumt sind.

Sie werden zu Wünschen, dann zu Gewohnheiten, dann zu Lebensweisen mit physisch-materiellen Konsequenzen. Diese Konsequenzen mögen ebenso wenig Gedanken ähnlich sehen, wie ein Eichenbaum einer Eichel ähnlich sieht, aber die Gita sagt, dass sie ebenso eng zusammenhängen wie die Letzteren.

Genauso wie der Samen sich nur zu einer Baumart auswachsen kann, können Gedanken nur Auswirkungen von gleicher Wesensart hervorrufen. Freundlichkeit gegenüber anderen, um nur ein Beispiel zu nennen, begünstigt ein Nervensystem, das sich selbst gegenüber freundlich ist.

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Kleshas – kosmische Kräfte, die jedem Menschen innewohnen.
Man sagt die Hauptursachen für das meiste Leid der Menschen:

Avidya – falsches Versehen, falsches Wissen

Asmita – falsches Verständnis der eigenen Person

Raga – drängendes Verlangen, Gier

Dvesa – unbegründete Ablehnung, Abneigung

und

Abhinivesa – die Angst

Dem Yogasutras des Pantanjali zufolge tun sich sogar die Weisen schwer, mit ihrer Angst richtig umzugehen, geschweige denn sie zu beherrschen. Die Angst ist wohl eines unserer größten Hindernisse, weil sie nur allzu oft schleichend in uns aufsteigt und dann zu spät erkannt wird.

Es sind die verschiedensten Ängste, die in uns wohnen können. Angst vor Verlust in jeglicher Hinsicht, ob materiell, von Ansehen, oder Menschen. Die Angst vor Vergänglichkeit und Veränderung unsere momentane Situation. Und egal, was wir auch unternehmen, nichts kann uns vor Alter, Krankheit und Tod schützen.

Wir versuchen unser Leben zu planen, versuchen alles zu kontrollieren. Planen für uns und für andere, damit auch alles so eintrifft, wie wir es uns vorstellen. Und wenn etwas nicht so läuft, wie wir es uns vorstellen oder wünschen, kommen wir ins zweifeln und hadern mit unserem Schicksaal. „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, mach Pläne.“  Wir hängen uns an materielle Dinge, definieren uns sogar über sie, um uns Sicherheit vorzuspielen, oft getrieben von den Ängsten der Vergänglichkeit.

Doch wir können uns auf den Kopf stellen und mit den Augendeckeln Schuh platteln, es wird uns nichts helfen. Im Gegenteil, durch Erwartungen, machen wir uns noch mehr Druck und leben in ständiger Angst, die uns letztendlich Krank macht. Wir können nie wissen, was und in der nächsten Minute, Stunde erwartet. Und ständige Sorge und Angst lähmt uns im Moment wirklich zu leben.

Ein Leben voller Vertrauen ins Leben und in die Möglichkeiten, jeden Moment neu wahrzunehmen und zu entscheiden, wie wir handeln und sein möchten, gibt uns Freiheit. Das Gestern ist unveränderlich und die Zukunft ist nicht bekannt. Das einzige was in diesem Moment reell ist, ist genau dieser Moment. Wovor sollten wir nun Angst haben?

Je mehr wir unser Leben bewusst leben, desto besser und gesünder können wir unseren eigenen Ängsten entgegentreten – und ein entspanntes Leben, aus jedem gegenwärtigen Moment heraus führen. Und jeder schöne Moment des Lebens kann ein Moment der Ewigkeit werden, wenn wir es schaffen, ihn im Herzen zu tragen.

 Dazu eine kleine Geschichte:

Das Kamel

Es lebte im alten Rjastan ein Dieb. Er wurde erwischt, als er ein Kamel des Königs stehlen wollte. Der König tat, was er mit allen Dieben tat: Er verurteilte ihn zum Tode. Der Dieb aber war ein furchtloser und über die Maßen cleverer Busche und bat den König um einen letzten Gefallen. Er sagte: „Wenn der König ein wirklich guter König ist und ein großes Herz hat, dann bitte ich ihn, mir mein Leben zu schenken.“ Noch bevor der König etwas sagen konnte, fügte er hinzu: “Und wenn der König mir das Leben lässt, dann werde ich dem Kamel, das ich stehlen wollte, innerhalb von einem Jahr das Tanzen beibringen.“

Der Dieb klang überzeugend, sodass der König einwilligte. „Nun gut, so sei es!“, sprach der König. „Aber wenn das Kamel in dieser Zeit nicht lernt zu tanzen, werde ich dich vor den Augen des ganzen Dorfes hinrichten lassen.“ Der Dieb willigte lächelnd ein und verneigte sich vor dem König. Als er mit dem Kamel nach Hause kam und seiner Frau erzählte, was sich zugetragen hatte, war diese voller Sorge um ihren Mann. Sie fragte ihn: „Wie, um Himmels willen, willst du dein Versprechen einlösen?“

Der Mann lächelte und erwiderte: „Mach dir keine Sorgen. Ich hab keine Angst vor dem König. Und weißt du auch warum?“ „Nein“, antwortete seine Frau erstaunt. – „Im Verlauf eines Jahres kann so viel geschehen: Der König könnte sterben. Auch das Kamel könnte sterben oder aber das Tanzen lernen. Was wissen wir schon darüber, was in einem Jahr sein wird oder nicht sein wird?“ Mit diesen Worten ging er in den Garten und legte sich in den Schatten eines alten Baumes. Er schlief so himmlisch, als wäre nichts geschehen.

(aus Alles ist Yoga von Doris Iding, Schirner Verlag)

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Die Kunst des Rückzugs

Ein Krieger des Lichts, der zu sehr seiner Intelligenz vertraut, unterschätzt am Ende die Kraft seines Gegners.
Man darf nie vergessen: Es gibt Augenblicke, da ist die Kraft wirkungsvoller als der Scharfsinn. Und wenn wir uns einer bestimmten Form von Gewalt gegenübersehen, wird kein Geistesblitz, kein Argument, wird weder Scharfsinn noch Charme die Tragödie verhindern können.
Daher unterschätzt der Krieger nie die rohe Gewalt: Wenn sie irrational und aggressiv ist, zieht er sich vom Schlachtfeld zurück, bis der Gegner seine Kraft verbraucht hat.
Allerdings sollte eines klar sein: Ein Krieger des Lichts ist niemals feige. Die Flucht kann ein geschickter Verteidigungszug sein, aber sie darf nie angetreten werden, wenn die Angst groß ist.
Im Zweifelsfalle nimmt der Krieger lieber die Niederlage in Kauf und pflegt seine Wunden, denn er weiß, dass er dem Angreifern durch seine Flucht größere Überlegenheit zugesteht, als dieser verdient.
Physische Wunden lassen sich behandeln, doch spirituelle Schwächen verfolgen einen ewig. In schwierigen und schmerzlichen Augenblicken stellt sich der Krieger der ungünstigen Situation entschlossen, heldenhaft und mutig. Um den rechten Geisteszustand zu erreichen (denn der Krieger des Lichts zieht in einen Kampf, in dem er die schlechteren Karten hat und möglicherweise leiden wird), muss er genau wissen, was ihm schaden kann.

Okakura Kasuko schreibt darüber in seinem Buch über die Teezeremonie:

„Wir schauen auf die Bosheit der anderen, weil wir die Bosheit durch unser eigenes Verhalten kennen. Wir verzeihen denen niemals, die uns verletzt haben, weil wir glauben, dass sei uns auch nie verzeihen werden. Wir sagen dem anderen die schmerzliche Wahrheit ins Gesicht, die wir selbst nicht wahrhaben wollen. Wir zeigen unsere Kraft, damit niemand unsere Zerbrechlichkeit sieht.
Daher sei dir immer bewusst, wenn du über deinen Bruder richtest, dass du es bist, der vor Gericht steht.“

Manchmal kann dieses Bewusstsein einen Kampf verhindern, der nur Nachteile bringen würde. Manchmal hingegen gibt es keinen Ausweg, sondern nur den Kampf mit ungleichen Chancen.
Wir wissen, dass wir verlieren werden, der Feind oder die Gewalt lassen uns keine andere Wahl, denn Feigheit kommt für uns nicht in Frage. Dann müssen wir das Schicksal annehmen. Dazu kommen mir jetzt Zeilen aus der großartigen Bhagavadgita (Kapitel II, 20-16) in den Sinn:

„Der Mensch wird nicht geboren, und er stirbt nie. Er ist auf dieser Welt, um zu leben, er hört nie auf zu leben, denn er ist ewig und unvergänglich.
So wie der Mensch die alten Kleider ablegt und neue anlegt, so legt die Seele den alten Körper ab und erhält einen neuen.
Die Seele selbst aber ist unzerstörbar. Schwerter können sie nicht schneiden, Feuer sie nicht verbrennen, Wasser sie nicht nass machen, der Wind sie nicht austrocknen. Sie steht außerhalb der Macht all dieser Dinge.
Da der Mensch unzerstörbar ist, ist er (auch in seinen Niederlagen) immer siegreich, und daher sollte er nie klagen.“

(aus "Sei wie ein Fluss der still die Nacht durchströmt" von Paulo Coelho)
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Ich wünsche dir Zeit

Ich wünsche dir nicht alle möglichen Gaben.
Ich wünsche dir nur, was die meisten nicht haben:
Ich wünsche dir Zeit, dich zu freun und zu lachen,
und wenn du sie nützt, kannst du etwas draus machen.

Ich wünsche dir Zeit für dein Tun und dein Denken,
nicht nur für dich selbst, sondern auch zum Verschenken.
Ich wünsche dir Zeit – nicht zum Hasten und Rennen,
sondern die Zeit zum Zufriedenseinkönnen.

Ich wünsche dir Zeit – nicht nur so zum Vertreiben.
Ich wünsche, sie möge dir übrig bleiben
als Zeit für das Staunen und Zeit für Vertraun,
anstatt nach der Zeit auf der Uhr nur zu schaun.

Ich wünsche dir Zeit, nach den Sternen zu greifen,
und Zeit, um zu wachsen, das heißt, um zu reifen.
Ich wünsche dir Zeit, neu zu hoffen, zu lieben.
Es hat keinen Sinn, diese Zeit zu verschieben.

Ich wünsche dir Zeit, zu dir selber zu finden,
jeden Tag, jede Stunde als Glück zu empfinden.
Ich wünsche dir Zeit, auch um Schuld zu vergeben.
Ich wünsche dir: Zeit zu haben zum Leben!

(Elli Michler)
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Von der Freiheit

Am Stadttor und an eurem Herdfeuer habe ich euch fußfällig eure eigene Freiheit anbeten sehen. Gerade so wie Sklaven sich vor einem Tyrannen erniedrigen und ihn lobpreisen, obwohl er sie niederschmettert.

Ja im Tempelhain und im Schatten des Burgbergs habe ich die Freiesten unter euch ihre Freiheit wie ein Joch und eine Kette tragen sehen.
Und das Herz hat mir geblutet; denn frei könnt ihr nur sein, wenn euch selbst der Wunsch, nach Freiheit zu sterben, zu einer Fessel wird und ihr aufhört, von der Freiheit als einem Ziel und einer Erfüllung zu sprechen.

Wahrhaft frei werdet ihr nicht dann sein, wenn eure Tage ohne Sorge und eure Nächte ohne ein Bedürfnis oder einen Kummer sind.
Sondern vielmehr wenn diese Dinge euer Leben umfassen und ihr euch dennoch nackt und ungebunden über sie erhebt.

Und wie solltet ihr euch über eure Tage und Nächte erheben, außer ihr zerbrecht die Ketten, die ihr im Morgengrau eurer Vernunft um eure Mittagsstunde geschlungen habt?

Und was ist es, das ihr um eurer Freiheit willen abzuwerfen trachtet, denn anderes als Teile eurer selbst? Ist es ein ungerechtes Gesetz, das ihr abschaffen möchtet, so wurde euch dieses Gesetz durch eure eigene Hand auf die Stirn geschrieben.

Ihr könnt es nicht tilgen, indem ihr eure Gesetzbücher verbrennt, noch indem ihr die Stirn eurer Richter wascht, und würdet ihr auch die See über sie ergießen.

Und ist es ein Gewaltherrscher, den ihr entthronen möchtet, sorgt erst dafür, dass der Thron zerstört wird, den ihr ihm in euerm Inneren erbaut habt.
Denn wie kann ein Tyrann die Freien und die Stolzen beherrschen, außer es ist ein Sklaventum in ihrer Freiheit und eine Beschämung in ihrem Stolz?

Und wenn es eine Sorge ist, die ihr abschütteln möchtet, so wurde euch diese Sorge nicht aufgezwungen, sondern ihr habt sie euch selbst erwählt.

Und wenn es eine Furcht ist, die ihr zerstreuen möchtet, so sitzt diese Furcht in eurem Herzen und nicht in der Hand des Gefürchteten.

Wahrlich, alle Dinge ziehen durch eure Seele in beständiger Umarmung: das Erwünschte und das Gefürchtete, das Verabscheute und das Geliebte, das Angestrebte und dasjenige, dem ihr entrinnen möchtet.
Diese Dinge bewegen sich in euch als untrennbare Paare von Licht und Schatten.

Und wenn ein Schatten verblasst und verschwindet, wird das verbleibende Licht zum Schatten eines anderen Lichtes.
Und ebenso wird eure Freiheit, sobald sie ihre Fesseln verliert, ihrerseits zur Fessel einer größeren Freiheit.

(aus "Der Prophet" von Kahlil Gibran)
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Von der Zeit

Ihr möchtet die Zeit messen, die doch ohne Maße ist und unermesslich.

Ihr möchtet euer Handeln und selbst den Lauf eures Geistes nach Stunden und Jahreszeiten ordnen. Aus der Zeit möchtet ihr einen Fluss machen, von dessen Ufer aus ihr in Muße dessen Strömen betrachten könnt.

Doch das Zeitlose in euch ist sich der Zeitlosigkeit des Lebens bewusst.

Und weiß, dass das Gestern nichts als die Erinnerung des Heute ist und das Morgen das, was das Heute erträumt.

Und was in euch singt und gewahrt, wohnt nach wie vor in den Grenzen jenes ersten Moments, der die Sterne im Weltraum verstreute.

Wer von euch spürt etwa nicht, dass seine Fähigkeit zu lieben unbegrenzt ist?

Und dennoch, wer empfindet nicht, dass ebendiese Liebe, wenn auch unbegrenzt, doch restlos im Zentrum seines Wesens enthalten ist und sich nicht von Liebesgedanken zu Liebesgedanken bewegt noch von Liebeshandlung zu Liebeshandlung?

Und ist etwa die Zeit nicht ganz so sie die Liebe – ungeteilt und raumlos?

Aber wenn ihr schon die Zeit in Gedanken nach Jahreszeiten bemessen müsst, dann möge jede einzelne Jahreszeit alle übrigen Jahreszeiten umfassen.
Und das Heute Umarme das Vergangene mit Erinnern und das Künftige mit Sehnsucht.

Vertraue diesen Träumen, denn in ihnen verbirgt sich das Tor der Unendlichkeit.

 Kahlil Gibran (1883 - 1931), Dichter, Philosph und Künstler, wurde im Libanon geboren und emigriete in jungen Jahren  in die USA, Boston. Sein Lebenswerk galt der Versöhnung der westlichen und arabischen Welt. Der Prophet, erschienen 1923 (dt. Erstausgabe 1925) und gilt als Hauptwerk, zugleich  wohl als sein bekanntestes Werk.

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Ein Blick in Nachbars Garten

´Gib dem Narren tausend Meinungen, er wird nur deine wollen´, besagt ein arabisches Sprichwort. Wenn wir den Garten unseres Lebens bepflanzen, bemerkten wir irgendwann unseren Nachbarn, der uns beobachtet. Selber bringt er nichts zuwege, aber er gibt gern Ratschläge, wie wir unsere Taten aussäen, unsere Gedanken pflanzen, unsere Eroberungen begießen sollen.

Hören wir auf unseren Nachbarn, dann arbeiten wir am Ende für ihn, und der Garten unseres Lebens entspricht seinen Vorstellungen. Bis wir am Ende die mit viel Schweiß bestellte und mit vielen Segnungen gedüngte Erde gar nicht mehr als unsere erkennen und auch nicht, dass jeder Zentimeter Erde Geheimnisse hat, die nur die geduldige Hand des Gärtners deuten kann. Wir achten gar nicht mehr auf Sonne, Regen, wechselnde Jahreszeiten, sondern sind nur noch auf die Ratschläge unseres Nachbarn fixiert, der uns über den Zaun hinweg ausspäht.

Er gibt uns Ratschläge für unseren Garten, aber der Narr kümmert sich nie um seine eigenen Pflanzen.

(aus "Sei wie ein Fluss der still die Nacht durchströmt" von Paulo Coelho)
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Das Sankhya beschreibt Gedanken als Pakete potentieller Energie, die sich immer mehr verfestigen, wenn günstige Bedingungen vorhanden und Hindernisse ausgeräumt sind. Sie werden zu wünschen, dann zu Gewohnheiten, dann zu Lebensweisen mit physisch-materiellen Konsequenzen. Diese Konsequenzen mögen ebenso wenig Gedanken ähnlich sehen, wie ein Eichenbaum einer Eichel ähnlich sieht, aber die Gita sagt, dass sie ebenso eng zusammenhängen wie die Letzteren. Genauso wie der Samen sich nur zu einer Baumart auswachsen kann, können Gedanken nur Auswirkungen von gleicher Wesensart hervorrufen. Freundlichkeit gegenüber anderen, um nur ein Beispiel zu nennen, begünstigt ein Nervensystem, das sich selbst gegenüber freundlich ist.

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Lokah Samastah

Alle Welten. Die heiligen Vedas beschreiben vierzehn verschiedene Daseinsbereiche vom Grobstofflichen bis in feinste energetische Sphären. Die ersten drei dieser „Welten“ werden auch im bedeutenden Gayatri-Mantra angerufen: Om bhur bhuvah svah (Erde, Luftraum und Himmel). Im übertragenen Sinn sind damit auch jene Wesen, die diese Welten besiedeln, miteinbezogen – also alle Geschöpfe, ganz gleich in welchem Zustand oder auf welchem Schwingungsniveau sie sich gerade befinden.

 Sukhino

Glücksvoll. „Glücklich“ meint hier mehr als bloß eine vorübergehende Emotion, sondern einen Zustand der bedingungslosen Zu-Frieden-heit. Nach vedischer Ansicht ist Sat-Chit-Ananda (immerwährende Glückseligkeit) unser Ur-zustand. Glück ist ein Geburtsrecht.

Bhavantu

Sie sollen sein. Da das Mantra allen Wesen gewidmet ist, balanciert es die Welt aus. Keine egoistische Bitte für das eigene Wohlergehen ist es, sondern selbstloser Ausdruck der Verbundenheit mit dem gesamten Universum. So enthält es auch die Idee von Ahimsa.

 Verwendung und Wirkung von Lokah Samastah Sukhino Bhavantu

Im Yogawiki von Yoga Vidya heißt es dazu: „Im Yoga geht man davon aus, dass die Schwingungen des Friedens und des Wohlwollens, die durch ein Mangala Mantra erzeugt werden, eine positive Energie darstellen, die Friedensenergien verbreiten. Wenn Menschen zusammen das Lokah Samastah Sukhino Bhavantu rezitieren und sich der Bedeutung bewusst machen, entsteht ein Verbundenheitsgefühl, eine Herzensverbindung, eine Freude.“

(Quelle: http://www.yogazeit.at)

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Risiken – Ich lerne, Risiken einzugehen.

Heute will ich mich kopfüber ins Leben stürzen. Ich will nicht davor zurückscheuen, Risiken einzugehen. Zu lange ist mein Leben schon von Langeweile gekennzeichnet, die der Routine entspringt. Ich strebte nach Sicherheit und stecke jetzt in einem Trott, der mich gar nicht mehr richtig leben lässt. Heute will ich meine physischen, mentalen und spirituellen Grenzen erkunden und mich fordern lassen. Ich will die Aufregung neuer Erfahrungen hautnah spüren.

Um aus meinem Trott herauskommen zu können, muss ich, wie ich weiß, meinem inneren Kind versichern, dass ich es gut versorgen werde. Ich verstehe sein starkes Bedürfnis nach Sicherheit, aber ich glaube auch, dass es verdient, mehr vom Leben mitzubekommen. Wenn ich nicht in den nächsten Jahren langsam dahinsiechen will, muss ich meine Grenzen ausdehnen. Ich muss meine Angst vor dem Neuen überwinden, um mir ein befriedigendes Leben gestalten zu können.

(aus „Liebe dein inneres Kind“ von Rokelle Lerner – Goldmann Verlag)

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Arjuna und die Bhagavadgita 

Arjuna befand sich am Schlachtfeld zwischen den, zum Kampf bereiten, Reihen und wusste nicht mehr, ob es gut oder schlecht war, ob er kämpfen sollte oder es lieber bleiben lassen. Er wusste, dass er gegen seine eigene Verwandtschaft kämpfen musste, wenn er kämpft. Und dass es nie mehr so sein wird, wie es war. Ist seine Schlachtfeld unsere innere Zerrissenheit? Vom Kind - Jugendlichen zum Erwachsenen, oder noch mehr? Geht es uns immer so, wenn wir an einem Scheideweg stehen?

Wie geht es uns im Leben?  Wir werden im günstigsten Fall in eine intakte Familie geboren. Hier wachsen wir heran. Als Kinder lernen wir fast ausschließlich am Model. Wir eignen uns Verhaltensmuster unserer Eltern, Familie, Erzieher, Lehrer und unserer Umwelt an. Mit diesen Mustern lässt es sich erst einmal gut leben und alles scheint in Ordnung zu sein. Für mache Menschen wird das dann wohl auch ein Leben lang so sein.

Aber es kann auch der Zeitpunkt im Leben kommen, an dem man diese Werte und Lebensvorstellungen hinterfragt. Gewisse angeeignete Verhaltensweisen sind vielleicht nicht im Einklang mit dem, wie ich sein möchte.

So beginnt man in sich hinein zu hören und versucht zu erfühlen, wie möchte ICH denn sein? Was macht meine Identität als eigenständiges Individuum aus?  Wie möchte ich denn in gewissen Situationen reagieren? Meist reagiert man in alt bekannten Mustern. Aber sind es wirklich die eigenen, oder doch die, die man ohne zu hinterfragen, übernommen hat? Gerade wenn es schnell gehen muss oder man Stress hat, greift man auf altbekanntes zurück und wir fragen uns manchmal, warum Menschen etwas Unschönes weitergeben, was sie selbst erlebt haben und von dem sie doch wissen müssten, dass es nicht gut ist.

So sitzt du nun da und weißt nicht, was du wirklich möchtest. Und vor allem, wie unterscheide ich, was ICH möchte und was ich nur übernommen habe. Es gibt viele Sachen, die aus der Ursprungsfamilie sehr gut sind und die man auch übernehmen möchte. Aber es gibt auch die Dinge, die ich anders machen möchte. Nun kann ich mir überlegen, was ich in Zukunft ändern möchte. Ich habe die Wahl, ob ich ändern möchte oder nicht, aber handeln muss ich auf jeden Fall, wenn die entsprechende Situation kommt. So wie Arjuna eine Entscheidung treffen muss, nicht handeln ist keine Option.

Also nehme ich mir vor, gewisse Verhalten zu ändern. Wenn ich für mich erkannt habe, was ich verändern möchte, habe ich schon mal etwas geschafft. Und es geht ans Werk. In entspannten Lebensphasen, in denen ich ach Zeit habe zu überlegen und überlegt zu handeln funktioniert das dann vielleicht ganz gut. Doch dann kommen die Momente, in denen die Emotionen mit ins Spiel kommen und schon bin ich in einer bestimmten Situation genau wieder in meine alten Muster gefallen. Jetzt kann ich feststellen, wie verdammt schwer es ist, Muster, die über viele Jahre angeeignet und praktiziert wurden zu ändern. Manchmal habe ich das Gefühl, es ist alles vergebene Liebesmüh und ich sollte mich lieber mit was Sinnvollem beschäftigen. Aber ich weiß, dass es möglich ist, nur weiß ich nicht immer wie. Und ich weiß, dass es absolut sinnvoll ist, um sein eigenes Leben zu kreieren und zu leben.

Nun habe ich das Gefühl, einen Ratgeber gefunden zu haben. Hier tauchen die Ratschläge des Wagenlenkers Krishna auf. So spricht er von der Ebenheit des Geistes. Diese Ebenheit braucht es, um bewusst entscheiden zu können, damit das Verhalten dem Entspricht, welches mir das Gefühl gibt gut und richtig gehandelt zu haben. Alle momentan zur Verfügung stehenden Aspekte einbezogen, im Moment die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Dieses Gefühl des inneren Friedens. Ob letztendlich die Entscheidung ganz richtig war, stellt sich immer erst hinterher heraus, aber ich habe wie man so schön sagt, mit bestem Wissen und Gewissen entschieden. Allerdings nutzt bestes Wissen und Gewissen nichts, wenn die Entscheidung nicht wirklich vom Herzen mitgetragen wurde.

Manchmal begegnet man Menschen, die das Gefühl ausstrahlen, mit sich im Reinen zu sein. Sie strahlen Zufriedenheit und Gelassenheit aus. Und ich glaube, dass genau das erstrebenswert ist, mit sich im Reinen zu sein. Wie man auch sagt, in seiner Mitte zu ruhen.

Ich habe mal gelesen, dass Zufriedenheit die Basis für Glück ist. Und Glück nur immer gewisse Momente oder Phasen in der Zufriedenheit sind. Wenn es uns nun gelingt, Zufriedenheit als Basis unseres Lebens zu erschaffen, haben wir gute Voraussetzungen auch immer wieder glücklich zu sein.

So sind wir auch für unsere Mitmenschen und unser Umfeld angenehme Menschen und es ist immer wieder schön, solchen Menschen zu begegnen.  Es wird immer die getriebenen Menschen geben, die meiner Meinung nach am wirklichen Leben vorbei leben. Aber wie heißt es so schön, des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Und es ist nur möglich anzubieten. Wenn jemand nicht annehmen möchte, gilt es auch das zu akzeptieren, auch wenn es manchmal weh tut. Gerade, wenn es um Menschen geht, die einem was bedeuten. Doch im Grunde sollte uns jeder Mensch etwas bedeuten.

Ich habe diese Woche eine schöne Geschichte im Radio gehört, die mich sehr bewegt hat und die für mich ein Weg zu mehr Menschlichkeit in der Welt ist.

Ich versuche einmal die Geschichte frei nach zu erzählen.

Ein Forscher in Afrika wollte nachweisen, dass Menschen ohne Rücksicht ihren Trieben folgen.  So versammelte er eine Gruppe Kinder und erklärte ihnen folgendes. Er hatte unter einen Baum einen Korb mit vielen süßen, saftigen Früchten platziert. Nun sollten die Kinder auf ein Kommando loslaufen. Wer als erster den Korb erreicht, darf sich so viel davon nehmen wie er möchte und sich satt essen.

Er gab das vereinbarte Kommando und was geschah? Erst einmal gar nichts. Dann nahmen sich alle Kinder an den Händen zu liefen alle gemeinsam so schnell sie konnten zu dem Korb, teilten die Früchte und aßen alle gemeinsam.

Der Wissenschaftler war erstaunt und fragte, warum sie das gemacht hätten? Da antworteten die Kinder „Ubuntu“. „Ich bin, weil wir sind. Wie kann ich mich freuen, wenn du traurig bist?“

Ubuntu, ausgesprochen [ùɓúntú], bezeichnet eine afrikanische Lebensphilosophie, die im alltäglichen Leben aus afrikanischen Überlieferungen heraus praktiziert wird. Das Wort Ubuntu kommt aus den Bantusprachen der Zulu und der Xhosa und bedeutet in etwa „Menschlichkeit“, „Nächstenliebe“ und „Gemeinsinn“ sowie die Erfahrung und das Bewusstsein, dass man selbst Teil eines Ganzen ist.

Damit wird eine Grundhaltung bezeichnet, die sich vor allem auf wechselseitigen Respekt und Anerkennung, Achtung der Menschenwürde und das Bestreben nach einer harmonischen und friedlichen Gesellschaft stützt, aber auch auf den Glauben an ein „universelles Band des Teilens, das alles Menschliche verbindet“. Die eigene Persönlichkeit und die Gemeinschaft stehen in der Ubuntu-Philosophie in enger Beziehung zueinander.

(aus Wikipedia)

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Visualisierung – Heute sehe ich eine gesunde Zukunft vor mir.

Heute will ich mich weigern, wieder die alten Tonbänder aus der Vergangenheit mit ihren kritischen Botschaften abzuspielen. Stattdessen will ich mir vorstellen, wie ich sein werde. Die Samen meines künftigen gesunden Selbst haben in mir schon Wurzeln geschlagen. Ich sehe, wie mein inneres Kind aus der Angst zu Zuversicht und Freuden gelangt.

Ich sehe, wie ich lache und liebe, voller Vitalität bin und nur lebensfördernde Beziehungen eingehe. Ich fühle die tiefe Befriedigung, die eintritt, wenn ich mir meine persönlichen Grenzen setze und bewahre. Ich spüre den warmen Strahl eines gesunden Selbstwertgefühls, während ich lerne, mich zu ernähren und für mich zu sorgen.

Ich weiß eindeutig, dass ich selbst die Person in meiner Vision bin und all die Freuden eines erfüllten und befriedigenden Lebens erfahre. Die Schäden aus der Vergangenheit liegen hinter mir. Heute will ich die Samen des Lebens und der Gesundheit pflegen, die mit jedem Tag wachsen.

(aus „Liebe dein inneres Kind“ von Rokelle Lerner – Goldmann Verlag)

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Die Kuh die weinte

Er bekam den beliebtesten Job im Gefängnis-Schlachthof. Er war ein brutaler Gewaltverbrecher. Man nannte ihn den Bolzenschussgerätmann Joe.

Die Kühe wurden in einen trichterförmigen Gang getrieben, bis ganz vorne nur noch ein einzelnes Tier hinein passte. Joe setzte das Gerät an und drückte ab.

Ein einzelner Bolzen reichte aber nicht aus, ein Tier zu töten. Also nochmal. Ein Schuss zum Betäuben, ein Schuss zum Töten.

Die Kühe in der Reihe dahinter erlebten den Todeskampf ihres Artgenossen vorne, und zappelten vor Angst. Es gab aber kein Entkommen.

So ging das Tag ein, Tag aus. Ein Schuss zum Betäuben, ein Schuss zum Töten.

Eines Tages aber passierte etwas, das Joes Leben komplett verändern sollte.

Nachdem er schon einen halben Tag lang unzählige Tiere getötet hatte, stand plötzlich eine Kuh vor ihm, die scheinbar gar keine Angst hatte.

Sie stand dort ganz ruhig und schaute ihm mit traurigen Augen tief in sein Herz.

Das brachte Joe völlig durcheinander. Es versuchte, sich zusammenzureißen und das Bolzenschussgerät anzusetzen. Aber es gelang ihm nicht.

Die Kuh schaute ihm in die Augen und Joe blickte wie magnetisch angezogen in das Gesicht des Tieres.

Da beobachtete er, wie sich im rechten Auge der Kuh Wasser sammelte. Es wurde immer mehr, bis ein Tropfen am Gesicht der Kuh herablief.

Dann lief auch aus dem linken Auge eine Träne über das Gesicht der Kuh. Die Kuh weinte.

Sie schien zu sagen: „Warum tust Du das? Ich würde so gerne meine Fehler wieder gut machen, wenn ich nur wüsste, was ich falsch gemacht habe? Was habe ich Dir getan? Ich will doch nur leben.“

Joe ließ das Gerät aus der Hand gleiten und verlor das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kam, rief er: „Ihr könnt mit mir machen, was ihr wollt, aber ich werde diesem Tier nicht das Leben nehmen. Und auch keinem anderen.“

An diesem Tag wurde er Vegetarier und hat seitdem nie wieder ein Stück Fleisch gegessen.

(aus "Die Kuh, die weinte - Buddhistische Geschichten" von Ajahn Brahm)

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Die Autorin beschreibt ein Stück ihres Weges zu dem Buch, aus dem dieser Text stammt:

Lassen Sie ihr Hirn nicht unbeaufsichtigt von Christiane Stenger, Campus Verlag

Instant Influence - Selbsttest:

Alles in allem geht es bei dieser Technik um sechs Schritte, die einem in einer Situation weiterbringen können, in der die Motivation auf dem Nullpunkt gesunken ist.

Der erste Schritt ist, sich oder eine andere Person zu fragen, warum man sein jetziges Verhalten überhaupt ändern soll. Also, meine Antwort auf diese Frage ist: Im Moment möchte ich mich selbst motivieren, um endlich dieses Kapitel über Motivation abzuschließen, damit ich dann bald auch das nächste Kapitel schreiben und schließlich das gesamte Manuskript beim Veralag abgeben kann.

Die zweite Frage lautet: „Wie groß ist ihre Bereitschaft, sich zu ändern – auf einer Skala von 1 bis 10?“ Dabei bedeutet 1 – überhaupt nicht bereit und 10 – vollkommen bereit. Spontan gebe ich mir eine 7.

Daraufhin soll ich mich drittens fragen, warum ich keine niedrigere Zahl gewählt habe. Meine Antwort: „Weil ich ja eigentlich schon sehr gerne schreibe.“ Übrigens, wenn man eine 1 angibt, muss man sich fragen, was nötig wäre, um aus der 1 zumindest eine 2 werden zu lassen.

Bei Frage vier soll ich mir darüber klar werden, was die positiven Resultate wären, wenn ich mich geändert hätte. Die kenne ich: Das Kapitel wäre fertig und ich wieder entspannter. Diese Situation soll ich mir bildlich vorstellen.

Der fünfte Schritt ist, sich zu fragen, warum einem selbst diese Resultate so wichtig sind: Ich möchte ein Buch schreiben, bei dem der Leser mehr über sein Gehirn erfährt, noch besser mit ihm umgehen kann und in einigen Bereichen tatsächlich genialer wird. Damit sine jetzt Sie gemeint, liebe Leser!

Bei der letzten Frage soll ich mir abschließend überlegen, was als nächster Schritt zu tun ist, um mein Ziel in die Tat umzusetzen. Die Antwort kenne ich: Schreiben! Und los geht’s!

Alles in allem sind das sechs sehr gute Schritte, die uns in einer Situation, in der die Motivation auf den Nullpunkt gesunken ist, wirklich weiterbringen können. Und nicht nur das. Diese Fragen helfen auch allgemein bei Vorhaben, die wir in die Tat umsetzen möchten.

Ganz im Augenblick zu sein, das ist Glück.

Die Suche nach dem Glück ist eine Suche des Egos. Solange du suchst, wirst du nicht glücklich sein, denn deine Suche lässt nicht zu, dass du im Hier und Jetzt lebst. Du lebst dann in einer vorgestellten Zukunft. Im wahren Sein gibt es kein Glück und kein Unglück, aber es gibt einen inneren Frieden in dir. Stelle dir für eine Minute vor, dass du dich entschieden hättest, nicht mehr nach dem Glück zu suchen, sondern das, was ist, zu akzeptieren. Wäre das keine Erleichterung? Jeglicher Druck wäre verschwunden!

Und wann hast du die Stimme in deinem Kopf vernommen? Nach zehn Sekunden? Nach 30 Sekunden? Eine Stimme die sagt: "Und wie soll ich ...?" Irgendein Gedanke, der dir Angst macht tauchte auf und schon stelltest du die Frage: "Und wie soll ich das in der Praxis umsetzen?" Du zweifelst: "Das geht doch gar nicht. Ich werde verhungern, obdachlos, arm ..." So schnell kann dich dein Ego aus dem Jetzt herausholen und in die Zukunft katapultieren - sein Lieblingsrevier. Denn dort beherrscht es dich.

(aus "Über das Gelingen" - Oliver Driver)

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Erzähl uns vom  Sinn der Stille

Ein einsamer Mönch, der gerade aus einem Brunnen Wasser schöpfte, bekam von einer Gruppe Menschen Besuch. Sie sagten zu ihm: "Erzähl uns vom Sinn der Stille."

Der Mönch antwortete: "Blickt in den Brunnen. Was könnt ihr sehen?"

Die Menschen blickten in den Brunnen, dessen Wasseroberfläche noch sehr bewegt war. Sie antworteten: "Wir sehen nichts."

Nach einer Weile, als sich das Wasser etwas beruhigt hatte, sagte der Mönch: "Blickt noch mal in den Brunnen. Was seht ihr jetzt?"

Die Menschen blickten in den Brunnen und antworteten: "Jetzt sehen wir uns."

Nach einer Weile, die Wasseroberfläche war jetzt ganz ruhig, sagte der Mönch: "Blickt noch einmal in den Brunnen. Was seht ihr jetzt?"

Die Menschen blickten hinein und antworteten: "Jetzt sehen wir den Grund." 

Da lächelte der Mönch und sagte: " Das ist der Sinn der Stille. Sie lässt uns den Grund aller Dinge sehen."

(Unbekannter Verfasser)

Tempora mutantur, et nos mutamur in illis. (Die Zieten ändern sich u. wir uns in ihnen)  Kaiser Lother I

 

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