Yoga - macht Spaß & das Leben leichter!

Alles was Du hast ist Jetzt - erschaffe dir eine wundervolle Zeit!

Nachgedacht & Reingefühlt

Der Geist wird reich durch das, was er empfängt,
das Herz durch das, was es gibt.

                              (Victor Hugo)                       
  

Patanjali war ein indischer Weiser
und der Verfasser des Yogasutra,
des klassischen Leitfadens des Yoga,
weshalb er auch als „Vater des Yoga“
bezeichnet wird

Ein bewusster Atemzug

Der beste Maßstab für deinen Gard an Bewusstheit ist, wie du mit den Herausforderungen des Lebens umgehst, wenn sie auf dich zukommen. Jemand, der schon unbewusst ist, neigt dann dazu, noch unbewusster zu werden. Herausforderungen können unseren Lebensfluss unterbrechen.  Was du vielleicht als unangenehme Unordnung, als Chaos empfindest, kann eine große Chance sein, um deine wahre Natur zu erkennen. Zuerst geht es darum, dir klar darüber zu werden, dass es in der Natur der Dinge liegt, mit dem Chaos des Universums konfrontiert zu werden - ganz gleich, was du in deinem Leben tust. Wenn du das erkennst und annimmst, machst du dich frei von der Illusion der Passivität deiner Existenz. Du kommst in einen Zustand der Gelassenheit und des Vertrauens. Dein Gegenwartsbewusstsein wächst und beleuchtet, was jenseits deiner Ego-Persönlichkeit oder deines physischen Körpers liegt. Je mehr du dein Gegenwartsbewusstsein wächst und beleuchtet, was jenseits deiner Ego-Persönlichkeit oder deines physischen Körpers liegt. Je mehr du dein Gegenwartsbewusstsein kultivierst, desto besser bist du auf diese Unordnungen im Leben, auf das Chaos des Universums vorbereitet.

Manche Menschen verlieren durch einen plötzlichen Vorfall scheinbar alles, was sie haben. Durch einen schweren Unfall, durch eine Krankheit, aber auch durch einen Umweltkatastrophe oder durch politische Übergriffe werden sie mit schweren Verlusten konfrontiert. Dieser Schmerz erscheint uns zutiefst dramatisch und unnötig. Frage dich in solch einem Moment: Wer bin ich, wenn ich mich plötzlich mit nichts mehr identifizieren kann? Die Kontemplation dieser Frage kann für uns zu einem großen Tor in die Tiefe unserer Existenz und unseres Bewusstseins werden. Extreme Situationen können einen Prozess des Erwachens katalysieren. Viele Menschen schieben gerne die Schuld für ihr Unglück auf äußere Umstände. Doch du bist deinem Schmerzkörper und der Ego-Identität nicht ausgeliefert, sondern kannst dich selbst bewusst verändern und kannst wachsen. Du trägst eine Verantwortung für deine eigene Transformation. Die ideale Situation für deine spirituelle Praxis ist immer im Hier und Jetzt.

Nimm einen bewussten Atemzug. Der Atem eignet sich sehr gut, um die formlose Dimension in dir zu erkennen. Die Wurzel des deutschen Wortes Atem liegt im Wort „Atman“ aus dem Sanskrit. Atman bedeutet göttlich und steht für die Tiefendimension der Dinge. Durch eine einfache Atemübung kannst du dir der Tiefendimension bewusstwerden. Integriere diese Mini-Meditation möglichst häufig in deinen Alltag. Atme einfach bewusst ein und aus. Bleib dabei gegenwärtig. Achte auf die Empfindungen des Atems. Spüre, wie die Luft in deinen Körper einströmt und wieder ausströmt. Bewusstes Atmen bringt dein Denken zum Stillstand. Doch im Gegensatz zu jemand, der in Trance oder halb im Schlaf ist, bist du hellwach und voll da. Du sinkst nicht unter die Schwelle des Denkens, sondern erhebst dich über sie. Und wenn du genau hinschaust, entdeckst du, dass die zwei Dinge – ganz in den gegenwärtigen Augenblick zu kommen und gedankenleer zu werden, ohne das Bewusstsein zu verlieren – im Grunde ein dasselbe sind: das Heraufdämmern des Raumbewusstseins.

(Happinez Kolumne von Eckhart Tolle – Jahrgang 12, Nr. 4 – 2021, Heinrich Bauer Verlag KG)

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Die Kunst des Rückzugs

Ein Krieger des Lichts, der zu sehr seiner Intelligenz vertraut, unterschätzt am Ende die Kraft seines Gegners.
Man darf nie vergessen: Es gibt Augenblicke, da ist die Kraft wirkungsvoller als der Scharfsinn. Und wenn wir uns einer bestimmten Form von Gewalt gegenübersehen, wird kein Geistesblitz, kein Argument, wird weder Scharfsinn noch Charme die Tragödie verhindern können.
Daher unterschätzt der Krieger nie die rohe Gewalt: Wenn sie irrational und aggressiv ist, zieht er sich vom Schlachtfeld zurück, bis der Gegner seine Kraft verbraucht hat.
Allerdings sollte eines klar sein: Ein Krieger des Lichts ist niemals feige. Die Flucht kann ein geschickter Verteidigungszug sein, aber sie darf nie angetreten werden, wenn die Angst groß ist.
Im Zweifelsfalle nimmt der Krieger lieber die Niederlage in Kauf und pflegt seine Wunden, denn er weiß, dass er dem Angreifern durch seine Flucht größere Überlegenheit zugesteht, als dieser verdient.
Physische Wunden lassen sich behandeln, doch spirituelle Schwächen verfolgen einen ewig. In schwierigen und schmerzlichen Augenblicken stellt sich der Krieger der ungünstigen Situation entschlossen, heldenhaft und mutig. Um den rechten Geisteszustand zu erreichen (denn der Krieger des Lichts zieht in einen Kampf, in dem er die schlechteren Karten hat und möglicherweise leiden wird), muss er genau wissen, was ihm schaden kann.

Okakura Kasuko schreibt darüber in seinem Buch über die Teezeremonie:

„Wir schauen auf die Bosheit der anderen, weil wir die Bosheit durch unser eigenes Verhalten kennen. Wir verzeihen denen niemals, die uns verletzt haben, weil wir glauben, dass sei uns auch nie verzeihen werden. Wir sagen dem anderen die schmerzliche Wahrheit ins Gesicht, die wir selbst nicht wahrhaben wollen. Wir zeigen unsere Kraft, damit niemand unsere Zerbrechlichkeit sieht.
Daher sei dir immer bewußt, wenn du über deinen Bruder richtest, dass du es bist, der vor Gericht steht.“

Manchmal kann dieses Bewusstsein einen Kampf verhindern, der nur Nachteile bringen würde. Manchmal hingegen gibt es keinen Ausweg, sondern nur den Kampf mit ungleichen Chancen.
Wir wissen, dass wir verlieren werden, der Feind oder die Gewalt lassen uns keine andere Wahl, denn Feigheit kommt für uns nicht in Frage. Dann müssen wir das Schicksal annehmen. Dazu kommen mir jetzt Zeilen aus der großartigen Bhagavadgita (Kapitel II, 20-16) in den Sinn:

„Der Mensch wird nicht geboren, und er stirbt nie. Er ist auf dieser Welt, um zu leben, er hört nie auf zu leben, denn er ist ewig und unvergänglich.
So wie der Mensch die alten Kleider ablegt und neue anlegt, so legt die Seele den alten Körper ab und erhält einen neuen.
Die Seele selbst aber ist unzerstörbar. Schwerter können sie nicht schneiden, Feuer sie nicht verbrennen, Wasser sie nicht nass machen, der Wind sie nicht austrocknen. Sie steht außerhalb der Macht all dieser Dinge.
Da der Mensch unzerstörbar ist, ist er (auch in seinen Niederlagen) immer siegreich, und daher sollte er nie klagen.“

(Paulo Coelho)

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Erzähl uns vom Sinn der Stille

Ein einsamer Mönch, der gerade aus einem Brunnen Wasser schöpfte, bekam von einer Gruppe Menschen Besuch. Sie sagten zu ihm: "Erzähl uns vom Sinn der Stille."

Der Mönch antwortete: "Blickt in den Brunnen. Was könnt ihr sehen?"

Die Menschen blickten in den Brunnen, dessen Wasseroberfläche noch sehr bewegt war. Sie antworteten: "Wir sehen nichts."

Nach einer Weile, als sich das Wasser etwas beruhigt hatte, sagte der Mönch: "Blickt noch mal in den Brunnen. Was seht ihr jetzt?"

Die Menschen blickten in den Brunnen und antworteten: "Jetzt sehen wir uns."

Nach einer Weile, die Wasseroberfläche war jetzt ganz ruhig, sagte der Mönch: "Blickt noch einmal in den Brunnen. Was seht ihr jetzt?"

Die Menschen blickten hinein und antworteten: "Jetzt sehen wir den Grund." 

Da lächelte der Mönch und sagte: " Das ist der Sinn der Stille. Sie lässt uns den Grund aller Dinge sehen."

(aus Der Prophet, Patmos Verlag -  von Kahlil Gibran (1883 - 1931), Dichter, Philosoph und Künstler, wurde im Libanon geboren und emigrierte in jungen Jahren  in die USA, Boston. Sein Lebenswerk galt der Versöhnung der westlichen und arabischen Welt. Der Prophet, erschienen 1923 (dt. Erstausgabe 1925)und gilt als Hauptwerk, zugleich  wohl als sein bekanntestes Werk.)

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Yoga und Sprialdynamik ®

In Yogakreisen kursieren immer wieder Artikel mit der Aussage, man solle endlich mit dem „Over Alignement“ der Asanas aufhören. Begründet wird dies u. a. damit, dass man durch viel Ausrichtung nur den technisch-körperlichen Aspekt des Yoga bedienen würde. Zudem sei ohnehin jeder Körper anders beschaffen und würde somit eine andere Ausrichtung benötigen. Nach meiner Erfahrung als Yogalehrerin und Dozentin der Spiraldynamik kann ich die Aussagen nicht bestätigen.

Zwar hat jeder Körper seine individuelle Anatomie, dennoch ist der Bauplan des Menschen so universell, dass auch die Ausrichtung des Körpers als universell verstanden werden kann. Die Spiraldynamik bietet ein dreidimensionales anatomisches Konzept der menschlichen Haltungs- und Bewegungskoordination, eine Gebrauchsanweisung für den eigenen Körper. Warum dies von Bedeutung ist, kann man im Fachbuch „Medical Yoga professional“ nachlesen: „Um schließlich in der Meditation die körperliche Hülle loslassen zu können, muss der Yogi zuvor von ihr Besitz ergriffen haben.“ Auch der spirituelle Lehrer Eckehart Tolle beschreibt den Zustand der Bündelung der Aufmerksamkeit im Körper als einen zustand höchster Kraft und Präsenz. Das Wissen darüber, wie der Körper funktioniert, die Ausrichtung der Wahrnehmung und somit des Geistes darauf, zu spüren, ob man den Körper wirklich bestimmungsgemäß gebraucht, bietet die Achtsamkeit, Verletzungsprophylaxe und Entwicklungspotential in einem. Was in der Therapie logisch erscheint, fühlt sich in der Praxis richtig an.

Viele Menschen beginnen mit einer regelmäßigen Yogapraxis, weil sie ihre körperlichen Beschwerden lindern möchte. Sehr häufig ist es der Rücken, der zwickt und zwackt und regelmäßig zu Einschränkungen der Lebensqualität führt. Knie- und Schulterprobleme betreffen ebenfalls einen hohen Anteil der Yoga-Einsteiger. Auch bei Yogaschülern mit langjähriger Praxis treten – meist durch zu viel Ehrgeiz und wiederholt falsche Ausrichtung in den Asanas – körperliche Einschränkungen bzw. Verletzungen auf. Yogalehrer fühlen sich einem hohen Druck ausgesetzt, den unterschiedlichen körperlichen Bedürfnissen ihrer Schüler gerecht zu werden uns ich sicher durch die Asana-Praxis zu leiten. Es gibt eine große Unsicherheit im Umgang mit den verschiedenen Beschwerdebildern.

Die Anatomie des Menschen hat eine klare, nachvollziehbare Systematik, dir durch die Spiraldynamik ® praktisch nutzbar gemacht wurde. Die Kenntnis darüber hilft Yogalehrern wie -schülern. Insbesondere Yogalehrer müssen sich nicht mehr mit verschiedenen Aussagen zur individuellen Ausrichtung der Asanas auseinandersetzen. Wenn man weiß, wie der Körper funktioniert, wenn man die Prinzipien der Spiraldynamik und somit den menschlichen Bauplan verstanden hat, kennt man die anatomisch korrekte Ausrichtung, die auch speziellen Bedürfnissen Rechnung trägt und zur bestmöglichen Ausschöpfung des eigenen Körperpotentials und zur Verfeinerung der Asana-Praxis führt.

Bewegungsintelligenz wieder neu erlernen

Doch warum kommt die körpergerechte Ausrichtung in den Asanas nicht von selbst zustande? Warum benötigen wir überhaupt Anleitung dazu? Dafür gibt es verschiedenen Gründe:

1.     In den verschiedenen Yogastilen bestehen sehr unterschiedliche Meinungen zur Ausrichtung in Köperhaltungen, die oft nicht aus tiefgreifendem anatomischem Wissen heraus entstanden sind, sondern weil unreflektiert veraltetes Wissen übernommen wurde. Der Umfang und die Qualität der Ausbildung auf diesem Gebiet bietet vielfach nur anatomisches Faktenwissen anstelle von funktionellen Zusammenhängen und er Übertragung dieser auf die Ausführung der Asanas.

2.     Wir haben Bewegung verlernt. Schon kleine Kinder bewegen sich zu wenig. Als Baby sitzen sie in Babywippen, später werden Kinder in ihrem Bewegungsdrang ausgebremst – aus Angst, sie könnten sich verletzen. Und spätestens im Schulalter nimmt das Sitzen überhand. Während vor hundert Jahren noch fast alle beruflichen Tätigkeiten mit körperlicher Betätigung verbunden waren, sitzt heute die Mehrzahl der Erwachsenen am Schreibtisch. Unsere Vorfahren sind täglich ca. 20 Kilometer pro Tag gelaufen. Gehen ist ein archaisches Bewegungsmuster, das alle Elemente unserer Bewegungskoordination enthält. Der gesamte Körper wird durchbewegt, und die anatomisch korrekte Bewegungskoordination kann erhalten werden. Heute sind wir im wahrsten Sinne des Wortes sesshaft geworden. Wen wundert es, wenn sich unsere Bewegungsintelligenz nicht mehr entfalten kann und wir in ungesunden Mustern feststecken?

Bewegungsintelligenz ist erlernbar. Wir benötigen dazu Körperwissen und eine gezielte Anleitung. Yoga bietet wunderbare Gelegenheiten dafür. Spiraldynamik ist auf die Bewegungsformen in allen Bewegungsdisziplinen universell anwendbar – so auch auf Yoga. So trifft die alte indische Tradition auf modernes Anatomieverständnis und entfaltet ein hohes therapeutisches Potential zur Gesundung des Körpers und zur Verletzungsprophylaxe. Die Yogastellungen erhalten eine neue Qualität, weil der Körper durchlässiger wird und der Energiefluss sich fei entfalten kann. Mit dem Wissen über die Spiraldynamik ® zu üben, erhöht unsere Sensibilität, Bewegungen anatomisch korrekt auszuführen, und hilft so auch, unsere Bewegungsqualität im Alltag zu verbessern, da die Prinzipien übertragbar sind. Was nützt es, jeden Tag eine Stunde Yoga zu machen und sich den Rest des Tages mit hängenden Schultern und eingeknickten Füssen zu bewegen? Bewegungsintelligenz steckt in allen Menschen. Es gilt sie zu neuem Leben zu erwecken und zu kultivieren.

 

Anwendung der Spiraldynamik – Beispiel Brustwirbelsäule

Viele Probleme mit dem Rücken – sowohl im Alltag als auch im Yoga – lassen sich darauf zurückführen, dass die Brustwirbelsäule und der gesamte Brustkorb zu unbeweglich sind und die Lendenwirbelsäule zu beweglich ist. Dadurch werden die Drehmomente in die Lendenwirbelsäule zwangsverlagert und verursachen auf Dauer Abnutzung und Schmerzen. Die Lendenwirbelsäule ist aber aufgrund der Stellung der Wirbelgelenke in der Pfeilebene (von vorne nach hinten) nicht für das Drehen geschaffen. Sie kann nur um ca. fünf Grad rotieren. Ganz anders die Brustwirbelsäule: Ihre Wirbelgelenke stehen annähernd parallel zur Stirn und gleiten in der Drehbewegung aneinander vorbei. Ist sie gut trainiert, kann sie sich 40-60 Grad drehen, bei Untrainierten sind es gerade mal 10-30 Grad. Selbst jahrelange Yogapraxis hat bei vielen Schülern, die ich in den Yogastudios beobachtet habe, keine große Veränderung gebracht. Im Gegenteil: Die Lendenwirbelsäule wurde immer beweglicher, die Bandscheiben überlastet, die Brustwirbelsäule blieb in der Rotation und Streckung eingeschränkt. Ein Zeichen dafür, dass man in seinen alten Bewegungsgewohnheiten steckengeblieben ist.

Anhand der Rotation der Brustwirbelsäule möchte ich ein Beispiel dafür geben, welche Veränderung die Spiraldynamik bringen kann. Twists sind im Yoga der „Joker“, wenn es darum geht, die Wirbelsäule Aufrichtung und Beweglichkeit zu verleihen und Schmerzfreiheit zu erreichen. Die spiralige Verschraubung der Wirbelsäule erzeugt eine aufrichtende Kraft, die wesentlich effektiver ist, als die Streckung der Brustwirbelsäule z. B. in der Kobra zu üben. Sie führt zu einer dreidimensionalen Mobilisation der Gelenke, Bänder, Faszien und Bandscheiben. Die Anatomie und die Evolution liefern die Begründung dafür: Die Aufrichtung vom Vierbeiner zum Zweibeiner geht mit der Streckung der Wirbelsäule einher. Fortbewegung auf zwei Beinen im Kreuzgang erfordert Rotation. Ca. 80 Prozent der Rückenmuskulatur verläuft schräg. Ein schönes Beispiel dafür sind die Musculi rotatores (die kleinen Muskeln, die unsere Wirbelkörper miteinander verbinden). Durch ihren Verlauf im Körper bewirken ihre Kontraktion immer eine Rotation in Kombination mit Streckung. Sie bilden die tiefste Schicht der Wirbelsäulenmuskulatur und sind die einzigen Muskeln, die jeden Wirbel einzeln drehen können. Es lohnt sich, sie zu wecken. (Es sind auch die Muskeln, die wir benötigen, wenn wir mal eine schnelle Bewegung machen, z. B. Stolpern oder Ausrutschen und schnell die Balance finden müssen.)

 

Perfekt zum Üben des richtigen Drehens: der Drehsitz

Der Drehsitz ist perfekt geeignet, das richtige Drehen zu üben. Er bietet eine große Auflagefläche am Boden und somit hohe Stabilität. Später kann man das Gelernte auf alle gedrehten Asanas übertragen. Die Rotation der Wirbelsäule um die Längsachse profitiert von einer spürbaren Längsspannung. Die beiden Pole Kopf und Becken richten sich auf und bringen die Wirbelsäule unter Zug. (In der Spiraldynamik spricht man von Polen und dem Körpervolumen dazwischen, wie Kopf und Becken oder Schulter und Hand. Immer wenn sich einer der Pole in seiner Lage im Raum verändert, ändert sich auch die Position der anderen.) Die Kraft des geerdeten Beckens leitet sich nur über ein aufgerichtetes Becken weiter nach oben. (Durch die Erdung des Beckens, bleibt das Becken fixiert und die Rotationsbewegung kann wirklich in der Brustwirbelsäule stattfinden.) Die Wirbelsäule wird geschmeidig aufgespannt, wodurch erreicht wird, dass die Wirbelsäule in der Drehbewegung einen Wirbel nach dem anderen erfassen und in die Gesamtrotation mit einbeziehen. Das Kinn verläuft dabei parallel zum Boden. (Das erreicht man am besten, indem man den Blick am Horizont entlang gleiten lässt und erst in der Endposition die Augen schließt, wenn man das machen möchte.) Die Hände können diese Aufrichtung unterstützen. Eine Hand liegt am Knie des aufgestellten Beinen, die andere stützt seitlich auf dem Boden – ohne schon eine Rotation der Wirbelsäule zu erzwingen. Der aufgestellte Fuß hat Bodenkontakt, bildet eine Linie mit dem Unterschenkel und ist somit in Richtung des Knies orientiert.

Für die Rotation startet die Bewegungseinleitung vom Kopf her. Wir drehen immer erst den Kopf, der Körper folgt. (Der Kopf hat beim Drehsitz keine Führungsfunktion, er wird entspannt mit in die Drehung geführt. Die Bewegungen von Aufrichtung und Rotation bekommen ihren Impuls über den Atem. Einatmend betonst du die Aufrichtung und ausatmend sanft die Rotation.)  Nacken bleibt dabei lang und hält die Polspannung. Die Halswirbel haben eine schräg geführte Gelenkmechanik und werden bei der Rotation nacheinander in die Länge der Wirbelsäule geschraubt. Nach ungefähr 45 Grad Körperdrehung wird die Bewegung fließend in die oberen Brustwirbel weitergeleitet. Der Kopf darf nicht mit Kraft weitergedreht werden. Die Rotationsbewegung läuft von oben über die unteren Brustwirbel zur Lendenwirbelsäule. Da sich diese nur begrenzt drehen kann, sollte der Bauchnabel nach vorne gerichtet bleiben. Dafür muss das Becken aktiv gegen die Drehung des Oberkörpers gehalten und verankert so den Neutralpunkt der Verschraubung bei den neunten Brustwirbeln – genau da, wo er hingehört und wo das Potential für die Drehbewegung am größten ist. Die unteren Rippen auf der Vorderseite des Körpers ziehen so weit zurück, bis sie mit dem Bauch eine Linie bilden und in den Stamm (=Rumpf) integriert sind. Auf der Rückseite halten sie einen sanften Zug nach oben. Das hilft, die Gelenke zu öffnen und die Länge der Wirbelsäule zu halten. Die darüberliegenden Rippen folgen der Drehrichtung des Kopfes und schrauben sich eine nach der anderen nach vorn oben um die Längsachse. Durch die körperliche Erfahrung, so zu praktizieren, erlebt man, welches Körperteil bzw. welches Gelenk sich dreht und welches widerlagert (also dem Körper einen Widerstand bietet, gegen den er sich öffnen kann) – was in fortgeschrittenen Stellungen ganz wichtig ist, um das gesamte Spektrum der Beweglichkeit ausschöpfen zu können.

In den meisten Yogastilen wird eine symmetrische Sitzposition bevorzugt. Cleverer ist es, die 3D-Dynamik der Spirale einzubeziehen. Dafür setzt man sich auf die Ferse des eingeschlagen Beines. Die Gegenseite ist somit tief im Boden verankert, die Lende dieser Seite maximal gedreht. Diese Beckenposition entspricht der Position des Beckens auf der Standbeinseite beim Laufen und führt zur Entfaltung der Rotation im Sinne der gesichert, und der Druck im Gelenk wird über die Bänder in Zug umgewandelt, was zu einer deutlichen Entlastung führt.
Da die Rumpfmuskulatur über die Diagonale den ganzen Rumpf umhüllt, schrauben sich die Muskeln wie eine Doppelhelix in entgegengesetzte Richtungen drehend um den Körper. In der Drehung arbeiten die beiden Schrägsysteme gemeinsam. Ein Anteil kraftvoll kontrahierend, während der andere in eine Vordehnung geht. Spürbar wird dies durch ein Gefühl der Zentrierung um die Mitte. Aufrichten und Drehen in Kombination – das ist das Geheimnis der Spirale.

Je besser wir uns in den Asanas u unserer Lotlinie organisieren, umso leichter erreichen wir einen Zustand, der leicht (sukha) und stabil (sthira) gleichzeitig ist. Kraftvoll und dennoch ohne zu viel Anspannung. Die Knochen und Gelenke sind korrekt zueinander organisiert, die Muskuläre Hülle kraftvoll, aber weich im Sinne der Spannungsregulation. Zentrierung, auch wenn sie zuerst rein physisch ist, überträgt sich nach einer gewissen Zeit auf den Geist und die Psyche. Mit der Entwicklung des Körperbewusstseins verändert sich auch das Selbstbewusstsein. Nicht umsonst möchten wir „mit beiden Beinen fest im Leben stehen“, „fest verwurzelt sein“ oder „aufrecht durchs Leben gehen“. All dies sind Qualitäten, die auf den Zusammenhang von Körper und Geist hinweisen. Über die Erkenntnis unseres Körpers, den bestimmungsgemäßen Umgang mit ihn, finden wir Zugang zu einer Weisheit und unseren inneren Qualitäten. Wir werden ein neues Lebensgefühl – präsent, sensibel, selbstbewusst, voller Lebendigkeit und Ausstrahlung. (Oder wie es eine meiner Teilnehmerinnen für sich auf den Punkt brint und  formulierte: „Yoga mach sexy.“)

(aus Yoga aktuell – von Lilla N. Wuttich – Yoga Verlag GmbH)
(Kursive Klammerzusätze von mir hinzugefügt)


Auch dies geht vorbei

Eine der unbezahlbaren Lehren, die Depressionen entgegenwirken, ist gleichzeitig eine der einfachsten. Allerdings aufgepasst: Lehren die einfach erscheinen, kann man sehr leicht missverstehen. Wir können die folgende Geschichte nur dann begreifen, wenn wir tatsächlich von Depressionen befreit sind.

Der neue Häftling im Gefängnis war voller Angst und sehr deprimiert. Die steinernen Wände seiner Zelle saugten jegliche Wärme auf, die harten Eisengitter höhnten dem Mitgefühl, der Klang aufeinander prallenden Stahls ließ erahnen, hinter wie vielen Toren die Hoffnung weggeschlossen wurde. Das Herz des Gefangenen war schwer, denn er hatte viele Jahre abzusitzen. Am Kopfende seines Lagers entdeckte er folgende Worte in die Wand geritzt: AUCH DIES GEHT VORBEI.

Dieser Satz half ihm durch diese schwierige Zeit, genau, wie er wahrscheinlich dem Häftling vor ihm Mut gegeben hatte. Ganz gleich, wie schlimm es wurde. Er sah dann auf die Inschrift und dachte daran: „Auch dies geht vorbei.“ Am Tag seiner Entlassung erkannte er die tiefe Wahrheit hinter diesen Worten. Er hatte seine Strafe abgesessen. Auch die Zeit im Gefängnis war tatsächlich vorbeigegangen.
Als er wieder ins normale Leben zurückkehrte, dachte er oft an diese Botschaft. Er schrieb sie auf Fetzen Papier, die er an seinem Bett, in seinem Auto und auf der Arbeit deponierte. Sogar in ganz schlechten Zeiten erfasste ihn nie wieder eine Depression.
Er entsann sich in scheinbar aussichtslosen Lagen immer der Worte: „Auch dies geht vorbei“ und kämpfte sich durch. Wenn gute Zeiten anbrachen, genoss er sie, aber nie allzu sorglos. Er entsann sich der Worte: „Auch dies geht vorbei“ und arbeitete hart an seinem Leben, ohne auch nur das Geringste als selbstverständlich hinzunehmen. Die guten Zeiten schienen immer ungewöhnlich lange anzudauern.

Dann wurde bei ihm Krebs diagnostiziert. „Auch dies geht vorbei“ gab ihm Hoffnung. Hoffnung gab ihm Kraft und die positive Einstellung, die Krankheit zu besiegen. Eines Tages bestätigte der Facharzt, dass „der Krebs vorbeigegangen war.“
Am Ende seines Lebens flüsterte er seinen Liebsten zu: „Auch dies geht vorbei“, und er fand einen ruhigen Tod. Seine Worte waren der letzte Liebesdienst für Familie und Freunde. Sie hatten von ihm gelernt: „Auch die Trauer geht vorbei“

Depressionen sind ein Gefängnis, in das viele von uns eingeschlossen sind. „Auch das geht vorbei“, hilft uns. Und dieser Spruch sorgt zudem dafür, dass wir eine der großen Ursachen von Depressionen meiden und die guten Zeiten nicht zu selbstverständlich hinnehmen.

(aus „Die Kuh, die weinte“ von Ajahn Brahm – Lotus Verlag)

Blinder Glaube

Wenn wir altern, lassen Augen und Ohren nach, die Haare fallen aus, die dritten Zähne kommen rein, die Beine werden schwach, und manchmal zittern die Hände. Doch unser gesprächiger Mund entwickelt sich mit jedem Jahr kräftiger. Deshalb können sich unsere wortreichen Mitbürger erst in späten Jahren als Politiker profilieren.

Es war einmal ein König, dem seine Minister viel Ärger bereiteten. Sie stritten so heftig miteinander, dass nahezu nichts entschieden werden konnte. Die Minister folgten einer uralten politischen Tradition, denn ein jeder behauptete, dass er allein Recht und alle anderen Unrecht hätten. Doch als der einfallsreiche König ein öffentliches Fest organisierte, waren sich alle darin einig, an diesem Tag frei zu nehmen.

Es war ein spektakuläres Fest, das in einer riesigen Arena abgehalten wurde. Sänger und Tänzer traten auf, Akrobaten, Clowns, Musikbands, Feuerschlucker und noch viel mehr. Dann kam das Finale. Die Minister, die natürlich die besten Plätze ganz vorn in der ersten Reihe innehatten, sahen, wie der König höchstpersönlich seinen Lieblings-Elefanten in den Mittelpunkt der Arena führte. Dem Elefanten folgten sieben blinde Männer. Jeder in der Stadt kannte diese Männer und wusste, dass sie von Geburt an blind waren.

Der König ergriff die Hand des ersten Blinden und führte sie zum Rüssel des Elefanten. Er teilte ihm mit, dass dies ein Elefant sei. Dann legte er die Hand des zweiten Mannes auf einen Stoßzahn und sagte ihm, dass dies ein Elefant sei. Die Hand des Dritten erspürte ein Ohr, die des Vierten den Kopf, der Fünfte erfühlte den Körper, der Sechste die Beine und der Siebte den Schwanz. Jedem Mann wurde versichert, dass er einen Elefanten berührte. Dann wandte sich der König an den ersten Mann und bat ihn, einen Elefanten zu beschreiben.

„Nach meiner gut erwogenen und kundigen Meinung“, sagte der Blinde, der den Rüssel ergriffen hatte, „gehört der Elefant mit absoluter Sicherheit zur Spezies der Schlangen, vornehmlich der Python asiaticus.

„Was für ein hirnrissiger Quatsch!“, rief der zweite Blinde, der einen Stoßzahn in der Hand hielt. „Ein Elefant ist aus viel zu fester Materie, als dass er eine Schlange sein könnte. Tatsächlich, und ich irre mich nie, handelt es sich um einen Bauernpflug.“

„Du machst dich lächerlich“, höhnte der dritte Blinde, der immer noch ein Ohr in der Hand hielt. „Ein Elefant ist ein Palmenblatt-Fächer und sonst nichts.“

„Was seid ihr doch für inkompetente Idioten“, sagte der vierte Blinde lachend, der über den Kopf des Elefanten strich. „Ein Elefant ist ohne jeden Zweifel ein großer Wasserkrug.“

„Unmöglich, völliger Unsinn!“, widersprach der fünfte Blinde und fuhr mit der Hand den Körper entlang. „Ein Elefant ist viel massiver. Er ist ein Felsen.“

„Solchen Blödsinn habe ich mein Lebtag noch nicht gehört!“, brüllte der sechste Blinde, der ein Bein abgetastet hatte. „Ein Elefant ist ein Baumstamm. Ein Idiot, der daran zweifelt!“

„Welch ein Haufen von Ignoranten!“, empörte sich der letzte Blinde, der den Schwanz in der Hand hielt. „Ich kann euch genau sagen, was ein Elefant wirklich ist. Eine Art Fliegenklatsche. Das stimmt ganz gewiss, denn genau das fühle ich.“

„Lächerlich! Er ist eine Schlange!“ – „Unmöglich, es ist ein Krug!“ -  „Was seid ihr doch blöd, es ist …“ Und die Blinden begannen so heftig miteinander zu streiten und brüllten sich gegenseitig so laut an, dass sich ihre Worte miteinander verschmolzen und als ein einziges lautes Gebrüll zu vernehmen waren. Zu Schmähungen und Beleidigungen kamen dann auch noch Handgreiflichkeiten. Die Blinden schlugen um sich, und es schien völlig unwichtig zu sein, wen oder was sie gerade trafen. Sie fochten ums Prinzip, um Integrität und Wahrheit. Um die eigene persönliche Wahrheit.

Nachdem des Königs Soldaten die ziemlich angeschlagenen Blinden voneinander getrennt hatten, amüsierte sich das Publikum im Stadion über die schweigenden Minister, die beschämt auf ihren VIP-Stizen saßen. Alle Anwesenden hatten genau begriffen, wem der König eine Lektion hatte erteilen wollen.

Jeder von uns kann immer nur ein Teil jenes Ganzen nennen, das die Wahrheit darstellt. Wenn wir unser begrenztes Wissen als absolute Wahrheit ausgeben, gleichen wir den blinden Männern, die alle nur ein Stück des Elefanten erfühlten und ihre eigene bruchstückweise Erfahrung zur Wahrheit erhoben und alles andere für falsch hielten.

Statt uns auf blinden Glauben zu verlassen, sollten wir das Gespräch miteinander suchen.

Stellen Sie sich jetzt bitte vor, was dabei herausgekommen wäre, wenn die sieben blinden Männer ihre Erfahrungen zusammengeführt hätten, anstatt den Informationen der anderen nur zu widersprechen. Sie wären zu dem Schluss gekommen, dass ein Elefant einen Felsen ähnelt, der auf vier Baumstümpfen steht, hinten einer Art Fliegenklatsche aufweist und vorn einen großen Wasserkrug, an dessen Seiten sich zwei Palmblatt-Fächer befinden, während an der Unterseite zwei Pflüge stecken und in der Mitte eine lange Pythonschlange hervorragt. Das wäre nicht die schlechteste Beschreibung eines Elefanten von Menschen, die nie einen sehen werden.

(aus „Die Kuh, die weinte“ von Ajahn Brahm – Lotus Verlag)

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Wenn ein Mensch, den man liebt, plötzlich tot ist, kommt das meist ohne Vorwarnung.

„Meine Mutter hat sich an dem Abend von meinem Vater getrennt“, erinnert sich Marie-Luise Thoms an die schicksalhafte Nacht. Er erschießt sich Ende 2014. Wie in einem Sonntagabendkrimi, in dem sie nie mitspielen wollte, fühlt sich die damals 17-Jährige. Sie steht unter Schock, ist wie taub. Ihre Trauer ist groß. Doch keiner in der Familie – Mutter, Bruder, Oma - reden darüber. „In der Schule zog ich mich zurück“, erzählt die 23-Jährige. „Ich futtere mir 25 Kilo Schutzpanzer an, verschlang viele Bücher zu dem Thema.“ Monate später erst wird ihr bewusst, dass ihr geliebter Vater nicht mehr wiederkommt.

Dass es so nicht weiter gehen kann, ist ihr klar. Ihr Leben hat sich seit jener Nacht in zwei Hälften geteilt. „Ich wollte immer ganz offen damit umgehen, nahm mir Hilfe, sobald ich nicht mehr allein weiterkam“, sagt die Studentin. Sie hat nie Angst davor, was andere denken. Obwohl ihre Mutter dagegen ist, spricht sie mit einem Therapeuten, um alles zu verarbeiten. „Ich wusste, es würde mich sonst irgendwann einholen.“

Ein Jahr nach dem Vorfall zieht sie aus dem brandenburgischen Heimatdorf nach Berlin, um zu studieren und näher bei ihrer Selbsthilfegruppe zu sein. Sie strahlt, als sie zurückblickt. „Das war wie ein Neustart: Für die Leute im Dorf war ich das Kind mit dem toten Vater, hier kannte mich keiner. In Berlin habe ich mir ein neues Umfeld aufgebaut, konnte einfach nur Marie sein.“ Das Darüber-Reden mit Menschen, die eine ähnlich schmerzhafte Erfahrung gemacht hatten, hilft ihr. Der neue Freundeskreis gibt ihr Halt, den sie in ihrer Familie so sehr vermisst. Mit ihren Freunden unternimmt sie am Todestag ihres Vaters immer etwas Schönes. Das tut ihr gut.
Als sie sich vor drei Jahren besser fühlt, gründet sie ihre eigene Selbsthilfegruppe innerhalb des Vereins „AGUS e.V. – Angehörige um Suizid“. Nun betreut Marie-Luise Thoms junge Erwachsene bis 35 Jahre, die einen Angehörigen verloren haben. „Jetzt kann ich das Ganze aus einer anderen Perspektive betrachten“, erzählt sie. „Es gibt mir zusätzliche Bestätigung.“ Und einen Sinn, denn sie kann anderen mit ähnlichen Erlebnissen helfen. Dass sie ihr eigenes Leben mutig leben kann, zeigt ihr das Studiensemester in Asien: „Ich war stolz, dass ich mich getraut habe, wo weit weg zu gehen. Es gab schwierige Momente, aber ich habe mich durchgebissen.“


Zitate:

"Im Leben geht es nicht darum, gute Karten zu haben, sondern auch mit einem schlechten Blatt gut zu spielen."

(Robert Louis Stevenson, Schottischer Schriftstelle - 1850-1894)

"Auf die Dauer nimmt die Seele die Farben der Gedanken an."

(Marcus Aurelius - Römischer Philosoph - 121-180)


(Herausgeber: dm-drogerie markt GmbH + Co.KG, Kerstin Erbe – Verlag: Arthen Kommunkation GmbH)

Eder Kalif und der Flickschuster

Harum Al Raschid, der Kalif von Bagdad, liebte es, in Verkleidung durch die Straßen seiner Stadt zu gehen und zu hören, was die Nöte und Wünsche seines Volkes seien. Mal trug er das Gewand eines Bettlers, dann eines Kaufmanns, dann eines Schmiedes – doch nie war er erkannt worden und er war stolz darauf.

Nun aber hatte er etwas Besonderes im Sinne: Er suchte einen neuen Ratgeber, der weise und gütig war, und dem er vertrauen konnte. An seinem ganzen Hof hatte er so einen Mann nicht gefunden. Und nun war er in Verkleidung schon eine ganze Woche durch die Stadt gewandert und hatte mit Menschen aller Stände gesprochen – doch keiner dünkte ihn weise genug für diese Aufgabe.

Am Abend des siebten Tages folgte er einem Flickschuster und sprach ihn an. „Lebst du gut von deinem Gewerbe?“, fragte der Pilger.
„Oh ja, ich bin Flickschuster – und auch die besten Schuhe bedürfen einmal der Reparatur. Ich gehe früh jeden Morgen los und, bislang hat sich noch immer genug Arbeit gefunden.“

„Und was ist, wenn du morgen keine Arbeit findest?“

„Ach morgen“, lachte der Flickschuster. „Morgen kommt, und ich werde sehen, was es bringt. Gepriesen sie Allah.“

Der Pilger, der in Wahrheit der Kalif war, bedankte sich bei dem Mann uns schmunzelte. Der Mann war arm, aber er hatte das Herz auf dem rechten Fleck. Doch das redet sich leicht. Der Kalif beschloss, den Mann zu prüfen.

Am nächsten Morgen staunte der Flickschuster nicht schlecht. Überall in der Stadt stand angeschlagen, dass der Kalif die Flickschusterei in der Stadt verboten habe. Welch merkwürdige Einfälle der Kalif hat! Nun, dann werde ich eben Wasser tragen. Wasser brauchen die Menschen noch nötiger als Schuhe!

Am Abend traf er wieder auf den Pilger, der in Wahrheit der Kalif Harun Al-Raschid war. Der Kalif sprach: „Mein guter Mann, ich hatte Sorge um dich – hat nicht der Kalif die Flickschusterei verboten?“

„Oh ja, doch so trage ich nun Wasser und verdiene damit mein Brot.“

„Und was ist, wenn du morgen keine Arbeit findest?“

„Ach morgen“, lachte der Flickschuster. „Morgen kommt, und ich werde sehen, was es bringt. Gepriesen sie Allah.“

Am nächsten Morgen fand der frühere Flickschuster und jetzige Wasserträger, dass nur noch Wasserträger arbeiten durften, die eine besondere Erlaubnis des Kalifen hatten.

Welch merkwürdige Einfälle der Kalif hat! Nun, dann werde ich eben Holz verkaufen. Alte und Schwache brauche Holz zum Kochen, aber sind zu schwach, es zu hacken und zu sammeln. So werde ich Arbeit finden.

Am Abend traf er wieder auf den Pilger, der in Wahrheit der Kalif Al-Raschid war. Der Kalif sprach: „Mein guter Mann, ich hatte Sorge um dich – hat nicht der Kalif das Wassertrage verboten?“

„Oh ja, doch so hacke ich nun Holz und verdiene damit mein Brot.“

„Und was ist, wenn du morgen keine Arbeit findest?“

„Ach morgen“, lachte der Flickschuster. „Morgen kommt, und ich werde sehen, was es bringt. Gepriesen sie Allah.“

Am nächsten Morgen ging der ehemalige Flickschuster und Wasserträger und jetzige Holzhacker zeitig los; doch er kam nicht weit, da hielt ihn der Hauptmann der Wache an: „Hey du: Weißt du nicht, dass jeder, der eine Waffe trägt, einmal die Woche Dienst in der Palastwache tun muss?“ Damit nahm er ihm die Axt ab und gab ihm ein Schwert. „Heute Abend kommst du pünktlich zu Sonnenuntergang zum großen Tor des Palastes unseres Herrn Harun Al-Raschid.“

So stand der Flickschuster auf einmal mit einem Schwert da. Wie sollte er nun etwas zu essen verdienen? Er besann sich ein wenig, dann ging er zum Schmied und gab ihm das Schwert als Pfand für ein paar Münzen für sein Mahl. Daraufhin nahm er ein Stück Holz und schnitzte daraus ein Schwert, das genau in die Scheide passte.

Als er sich zu Sonnenuntergang am großen Palasttor einfand, grüßte ihn der Hauptmann. „Du kommst gerade recht. Ein Gefangener muss hingerichtet werden – und diese Aufgabe kommt immer dem neuesten Diensttuenden zu.“

Der Flickschuster wurde bleich. Er wollte keinen Menschen töten. Er bedachte sich kurz, dann warf er sich zu Boden und rief: „Oh Allah, wenn dieser Mensch den Tod verdient hat, so lass mein Schwert scharfer Stahl sein. Hat er den Tod aber nicht verdient, so lass mein Schwert aus Holz sein!“

Dann zog er sein hölzernes Schwert und alle Anwesenden staunten. Nur der weise Herrscher Harun Al-Raschid nicht, der endlich seinen neuen Ratgeber gefunden hatte.

Drei Eigenschaften sind es, die den Flickschuster vor der Macht des Negativen schützen:

1.   Vertrauen: Der Flickschuster sorgt sich nicht um die Zukunft. Er vertraut auf seine höhere Macht und darauf, dass sich schon immer etwas finden wird. Wer aber frei von Sorgen ist, der ist auch frei von Furcht und kann unbeschwert und gelassen leben.

2.   Flexibilität: Wenn ich keine Schuhe flicken kann, dann trage ich eben Wasser. Wenn ich kein Wasserträger mehr sein darf, dann hacke ich eben Holz. Der Flickschuster ist sehr einfallsreich. Er verhält sich wie ein Fluss: Sobald ein Hindernis auftaucht, fließt er einfach sanft daran vorbei und bleibt somit unbeschadet. So flexibel und anpassungsfähig zu sein, gelingt ihm aber nur, weil er keine inneren Widerstände gegen das Sein aufbaut. Er ist genügsam und lebt nach dem Grundsatz: „Das ist auch in Ordnung.“ Und diese Anspruchslosigkeit ist die Voraussetzung dafür, auch mit schwierigen Umständen kreativ und offen umgehen zu können.

3.   Güte: Am Ende der Geschichte nutzt der Flickschuster seinen Einfallsreichtum, um den Gefangenen nicht töten zu müssen. Der Trick mit dem Holzschwert ist natürlich großartig. Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass wir zur richtigen Zeit immer die richtige Idee haben, doch keine Sorge: Mitgefühl ist auch ohne Holzschwert eine wunderbare Sache, die dich wirkungsvoll davor schützt, dass der schwarze Wolf fett und mächtig wird.

 (aus „Füttere den weißen Wolf“ von Ronald Schweppe/Aljoscha Lang – Kösel Verlag München)

Tempora mutantur, et nos mutamur in illis.
(Die Zieten ändern sich u. wir uns in ihnen)  Kaiser Lother I