Yoga eröffnet Dir den Weg zu dir!

All we have is now! - Enjoy your pracitce and have a nice life!

Nachgedacht & Reingefühlt

Der Geist wird reich durch das, was er empfängt,
das Herz durch das, was es gibt.

                              (Victor Hugo)                       
  

Patanjali war ein indischer Weiser
und der Verfasser des Yogasutra,
des klassischen Leitfadens des Yoga,
weshalb er auch als „Vater des Yoga“
bezeichnet wird

Achtsamkeitsexperiment: Entdecke deine Möglichkeiten

Ob Freiheit oder Sicherheit – du könntest beides natürlich auch als reine Illusion ansehen: Kein Job ist wirklich sicher und unser Leben noch viel weniger. Das Einzige, was sicher ist, ist bekanntlich der Tod. Und ebenso wie mit der Sicherheit ist es auch mit der Freiheit so eine Sache: Selbst wenn du auf einer Trauminsel lebst, den ganzen Tag auf deinem Segelboot sitzt und genug Geld auf dem Konto hast – von deinen Gedanken, Gefühlen und Stimmungen wirst du dennoch nicht frei sein (außer wenn du erleuchtet bist, aber dann brauchst du auch kein Segelboot).

Anderseits kannst du Freiheit und Sicherheit aber auch als Realität ansehen. Und dann wäre die Frage, ob du nicht beides miteinander vereinen kannst. Wer sagt denn, dass du dich als Globetrotter auf Weltreise nicht trotzdem sicher und geborgen fühlen kannst? Wenn du in dein Leben vertraust, wirst du auch Stürme überstehen, ohne vor Angst zu erstarren. Und umgekehrt: Auch in einem sehr geordneten, fest strukturierten und sichern Leben ist es jederzeit möglich, Neues auszuprobieren, alte Gewohnheiten zu durchbrechen oder sich innerlich frei und unabhängig zu fühlen.

Ein paar Fragen helfen dir dabei, ein gesundes Geleichgewicht zwischen Freiheit und Sicherheit herzustellen:

Ganz spontan: Welcher Wert ist für dein Leben wichtiger – frei oder abgesichert zu sein? Was von beiden verleiht deinem Leben mehr Sinn? Womit fühlst du dich wohler?

Gibt es bestimmte Bereiche deines Lebens, wo du gerne freier wärst? Etwa, was deine Arbeit, deine Beziehung oder Verpflichtungen betrifft? Was genau ist es, das dich einschränkt – die äußeren Umstände oder eine innere Einstellung?

Gibt es bestimmte Bereiche deines Lebens, in denen du gerne mehr Sicherheit erfahren würdest? Welche sind das genau?

Findest du Möglichkeiten, dich in einem wilden, freien Leben dennoch sicher und geborgen zu fühlen? Nicht zu wissen, was der morgige Tag bringt, ist kein Grund, Ängste und Sorgen zu hegen. Da erinnere ich nur an die Geschichte vom Kalifen und dem Flickschuster. Blaise Pascal sagte, dass es sogar Freude macht, in einem Sturm gepeitschten Schiff zu fahren, wenn man sicher ist, dass es nicht sinken wird. Wenn du Stürme liebst, musst du eben viel Vertrauen haben.

Kannst du Möglichkeiten für dich entdecken, inmitten der Routine und sicherer Strukturen dennoch Neues auszuprobieren oder dich freier zu fühlen? Wenn du dir klar machst, dass die Entscheidung immer bei dir liegt, also auch die Entscheidung für ein abgesichertes Dasein, wirst du dich nicht als Opfer der Umstände sehen. Unfrei wirst du ja nicht etwa durch einen geregelten Tagesablauf, sondern durch inneres Festhalten. Du kannst jarhelang in der gliechen Beziehung, dem gleichen Job und der gleichen Wohnung stecken und innerlich so frei sein wie ein Vogel – oder wie ein schöner, weißer Wolf.

(aus „Füttere den weißen Wolf“ von Ronald Schweppe/Aljoscha Lang – Kösel Verlag München)



Wolf und Hund (nach Aesop)

Der Wolf und der Hund, der den Hof des Bauern bewachte, begegneten sich eines Nachts und grüßten sich höflich. Der Wolf war hager und struppig, der Hund jedoch wohlgenährt, mit glänzendem Fell.

„Sag Vetter, wie kommts es, dass du so wohlgenährt bist?“, fragte der Wolf.

„Ich habe eine gute Arbeit“, antwortete der Hund. „Ich wache über den Hof des Bauern und verjage die Diebe. Dafür bekomme ich morgens, mittags und abends Fleisch zu essen.“

„Das ist wirklich ein herrliches Leben. Ich wollte ich hätte es so gut wie du!“

„Aber wie kommts, dass du so hager und struppig bist?“, fragte nun der Hund.

„Ich lebe frei im Wald“, antwortete der Wolf. „Ich tue, wie es mir beliebt und bin ständig auf der Jagd. Und wenn der Vollmond scheint, treffe ich mich mit meinen Brüdern auf dem Felsen und singe für den Mond.“

„Das ist wirklich ein herrliches Leben. Ich wollte ich hätte es so gut wie du!“

Sicher in Freiheit, frei in Sicherheit

Wärst du lieber der Hund oder der Wolf in der Geschichte? Was glaubst du, welcher von beiden hat wohl die bessere Wahl getroffen?

Wenn dir jetzt eine schnelle Antwort über die Lippen kommt, weil du vielleicht glaubst, Freiheit wäre wichtiger oder Sicherheit vernünftiger, dann wirst du gleich sehen, dass das Ganze gar nicht so einfach ist.

Ich habe ja zum Beispiel einen sogenannten ´kreativen Job´. Als ´Freiberufler´ (in dem ja auch schon das Wort ´frei´ steckt) bleibt mir ein Chef erspart, feste Arbeitszeiten ebenso. Als ich die Fabel gelesen habe, dachte ich zunächst: „Klar – Freiheit ist viel entscheidender!“ Aber dann fing ich an, mir das Ganze noch einmal ein wenig genauer zu überlegen, und da wurde es kompliziert. Immerhin lebe ich in einer festen Ehe, genieße die Sicherheit, ein Dach über den Kopf zu haben, zahle ins Rentensystem ein und bin ganz bestimmt alles andere als ein Abenteurer – also was heißt da schon ´frei´?

Sowohl Freiheit als auch Sicherheit haben ihre Vor- und Nachteile: Der Hund bekommt mehr als genug zu fressen, dafür kann er nicht vom Bauernhof weg. Der Wolf ist frei, den anzuheulen, wann immer er Lust dazu hat, dafür muss er dauernd auf die Jagd gehen, und wenn ihm das Kaninchen entwischt, heißt es wohl oder übel mit knurrendem Bauch einschlafen zu müssen.

Frei zu sein ermöglicht es uns, Abenteuer zu erleben, neue Erfahrungen zu machen, unseren Mut zu entwickeln, spontanere Entscheidungen treffen zu können und den weißen Wolf ausgiebig zu füttern.

Sicher zu sein ist aber auch ein schönes Gefühl, denn Sicherheit vermittelt Vertrauen und Geborgenheit, und der feste Rahmen schützt uns davor, die Orientierung zu verlieren oder mit Sorgen den schwarzen Wolf zu füttern.

Im Grunde brauchen wir als beides, und das fängt schon sehr früh an. Kleine Kinder brauchen Wurzeln. Sie sehnen sich nach festen Rhythmen, lieben Rituale wie die abendliche Gutenachtgeschichte oder ´feste Feste´ wie Weihnachten oder Ostern. Sie brauchen Menschen, auf die sie sich verlassen können, brauchen Wurzeln, um fest auf der Erde stehen zu können. Je älter sie werden, desto wichtiger werden dann Flügel, desto größer das Bedürfnis, Neues auszuprobieren und auch mal Grenzen zu überschreiten.

Bei Erwachsenen ist das Bedürfnis nach Sicherheit sehr individuell – da ist jeder anders gestrickt. Vielleicht ist schon was dran, dass jüngere Leute eher frei, ältere lieber abgesichert sein wollen, doch es gibt auch genug Gegenbeispiele: BWL-Studenten, denen ihre Sicherheit heilig ist oder Senioren, die ´aussteigen´ und etwas ganz Neues beginnen, die nach dem Grundsatz ´je oller, je doller´leben.

Sicherheit und Freiheit – beides ist gut und hat in unterschiedlichen Lebensphasen und Bereichen unseres Lebens seine Berechtigung. Ist also alles prima?

Leider nicht, denn das Problem entsteht, wenn wir anfangen, uns nach dem zu sehnen, was wir nicht haben. Und natürlich tappen wir immer wieder in die ´Die-anderen-haben´s-besser-Falle´. Wer fest angestellt ist und einen sicherein Job hat, sehnt sich nach Freiheit und mehr Krativität, Freelancer hingegen nach einer sicheren Auftragslage. Wer in einer festen Beziehung lebt, träumt früher oder später von Liebesabenteuern mit einer/einem anderen, während manch einsames Herz von einer festen Beziehung träumt. Der Hund will auf die Jagd gehen und der Wolf sein sicheres Abendessen. Man kann es halt keinem hundertprozentig recht machen.

Zufrieden kannst du nur dann sein, wenn du erkennst, dass du nicht alles haben kannst. Möchtest du raus aufs stürmische Meer oder lieber im sicheren Hafen bleiben? Beides ist vollkommen okay – aber du musst dich entscheiden und deiner Entscheidung dann auch vertrauen.

(aus „Füttere den weißen Wolf“ von Ronald Schweppe/Aljoscha Lang – Kösel Verlag München)

Der Goldfisch (aus China)

Herr Yu Li besaß einen Teich, darin schwammen die herrlichsten Goldfische. Herr Li war stolz auf seine Fische, und das zu Recht: Sie waren die schönsten im ganzen Reich, und Menschen kamen von weit her, um die prächtigen Fische zu bestaunen. Nur selten verkaufte Herr Yu einen seiner Fische, doch der Preis war dann so hoch, dass Herr Yu ein gutes Auskommen hatte.

Besonders stolz war er auf seinen Jade-Gold-Karpfen, der in reinstem Gold schillerte und wie aus grünem Jadestein geschnitten eine Zeichnung auf seiner Seite trug, die dem Umriss des Landes ähnelte. Herr Yu meinte, dies müsse der Kaiser aller Karpfen sein. Und auch der Karpfen war davon überzeugt, etwas ganz Besonderes zu sein und war sehr stolz darauf.

Als der große Kaiser von den Fischen des Herrn Yu hörte, war er, da er selbst die Goldfischzucht liebte, im Stillen ein wenig eifersüchtig auf dessen Fische. Er beschloss, Herrn Yu aufzusuchen und ihm seinen schönsten Karpfen abzukaufen.  

Herr Yu wurde blass, als ihm der Kaiser angekündigt wurde. Mit einer solchen Ehre hatte er niemals gerechnet, und er fürchtete, sich nicht als würdig zu erweisen. Doch der Kaiser hieß ihn aufstehen, als er sich immer wieder zu Boden warf, und sprach von Liebhaber zu Liebhaber von Goldfischen.

Herr Yu war ein treuer Untertan und fühlte sich vom Vertrauen des großen Kaisers sehr geschmeichelt, und so vergaß er seine Selbstsucht und beschloss, seinem Kaiser seinen schönsten Fisch zu schenken, den Jade-Gold-Karpfen, den Kaiser aller Karpfen. Doch wer war er schon, dass er wählte? So sprach er denn: „Oh Kaiser, wählt den schönsten unter allen meinen Karpfen aus, ich schenke ihn Euch gern, um Euch meiner Treue zu versichern!“

Hocherfreut nahm der Kaiser das Geschenk an und erwähnte nicht, dass er nun umsonst bekam, für was er sonst eine ganze Truhe Gold hingegeben hätte. So stand der Kaiser am Teich und beobachtete die Karpfen, denn deren Schönheit offenbarte sich nicht unbedingt auf den ersten Blick. Herr Yu verstand das Zögern des Kaisers jedoch nicht und sprach: „ Seht doch Herr, hier ist der schönste Fisch von allen!“

Der Kaiser blickte suchend auf den Teich. Dann sah er Herrn Yu fragend an. Der zeigte wieder auf seinen Liebling: „Hier, der Jade-Gold-Fisch – nur er ist Eurer würdig.“

Der Kaiser runzelte die Stirn, dann aber lachte er und klopfte Herrn Yu auf die Schulter. „Du verstehst er zu scherzen, mein Lieber! Der dickste Fisch, prunkvoll glänzend, aber mit grünem Schmutzfleck auf der Seite … gerade den willst du mir schenken? Und all die schönen Prachtstücke wohl für dich behalten?“

„Nnnein“, stotterte der Herr Yu. „Der Jadefleck an seiner Seite – hat er nicht die Umrisse unseres Landes?“

Der Kaiser legte den Kopf schief und betrachtete den Karpfen. „Nun, wo du es sagst. Doch sieh’ den dort hinten, welch wunderbare Form und Schwanzflosse! Darauf kommt es an – diesen wähle ich mir. Unser Dank ist dir gewiss.“

Herr Yu bleib grübelnd zurück. Wie konnte der Kaiser übersehen, dass sein Gold-Jade-Karpfen etwas Besonderes war2

Am nächsten Tag besuchte ihn ein reicher Kaufmann. Auch er wollte unbedingt einen der Fische der Herrn Yu. Geschenkt wie der Kaiser bekam er keinen, doch mittels einer Truhe voller Gold erhielt er das kaiserliche Recht, sich einen der Fische auszusuchen.

Herr Yu wies den Kaufmann nicht auf seinen Liebling hin; doch der Kaufmann erblickte den Fisch sogleich. „Oh, welch ein einmaliges Exemplar!“, rief der Kaufmann. „Die Mooszeichnung an seiner Seite sieht fast wie eine Karte unseres Landes aus.“

„Jade…“, korrigierte Herr Yu, und wurde bleich. Nun würde ihm sein Lieblingsfisch wohl doch noch genommen.

Doch er hattes sich umsont gesorgt. Denn der Kaufmann fuhr fort: „Er ist aber allzu schillernd und der Fleck an seiner Seite … Aber seht, dieser Karpfen dort: Er hat tatsächlich grüne Augen! Den will ich!“

Herr Yu verstand das nicht. Kaiser und Kaufmann hatten die Besonderheit des Fisches nicht erkannt. Er zweifelte an seinem Urteilsvermögen. Nun, er würde es überprüfen. Er würde den nächsten Bettler fragen, welchen Fisch er wählte und ihm diesen schenken – wählte der Bettler seinen Lieblingsfisch, so konnte Herr Yu immerhin wieder seinem Urteil trauen.

Der nächste Bettler wurde in den Garten zum Teich gerufen und vor die Wahl gestellt. Ohne zu zögern rief der Bettler: „Ich nehme den golden glänenden, den mit dem Jadestück in der Form des Landes an seiner Seite!“

Herr Yu wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Doch da er ein ehrlicher Mann war, gab er dem Bettler seinen Jade-Gold-Karpfen. Er möge ihm nur bitte sagen, wie er auf seine Wahl gekommen sei.

„Nun“, sprach er Bettler, „das war leicht. Deine Fische, edler Herr Yu, sind alle ganz wunderbar; jeder ist etwas ganz Besonderes. Die Schwanzflossen sind bei jedem besonders lang, die diesem haben sie einen besonderen Schwung, bei wieder einem anderen sind die Schwanzspitzen mit goldenen Punkten geziert. Hier sehe ich einen mit goldenen Augen. Dieser trägt rundgoldene Farben, die das Zeichen für ewiges Leben bilden. Jeder deiner Fische ist ganz wunderbar und einmalig.“

„Aber warum wähltest du dann den Jade-Gold-Karpfen?“

„Nun, auch er ist ganz einmalig: dieser Goldglanz und diese herrliche Jadezeichnung!“

„Der Einmaligste?“, lachte der Bettler. „Aber Herr Yu, was redest du da? Ich habe den Fisch gewählt, weil er der dickste ist und ich seit zwei Tagen keinen Bissen mehr gegessen habe!“

Manches können wir nicht verstehen

Die Washington Post veröffentlichte vor einigen Jahren einen Artikel über ein aufschlussreiches Experiment, das sie selbst in Auftrag gegeben hatte. Ziel der sozialen Studie war es, etwas über Wahrnehmung, Geschmack und Vorlieben von Menschen im Alltag herauszufinden.

An einem kalten Wintermorgen packte ein junger Mann in Jeans seine Geige aus und begann an einer belebten U-Bahn-Haltestelle in Washington D.C. einige Violinenstücke von Bach zu spielen. Zu dieser frühen Stunde passierten rund 2000 Menschen die Haltestelle, die meisten waren auf dem Weg zur Arbiet.

Nach 7 Minuten war eine Frau einen Dollar in den Hut des Straßenmusikers.

Nach etwa 10 Minuten bleib ein Mann eine Weile stehen, um ihm zuzuhören, blickte dann aber auf die Uhr und setzt seinen Weg eilig fort.

Nach 15 Minuten wollte ein dreijähriger Junge dem Geiger lauschen, wurde aber von seiner Mutter weitergezerrt. Ebenso erging es einigen anderen Kindern, die quengelten, weil sie zuhören wollen, jedoch ausnahmslos von ihren Eltern weitergetrieben wurden.

Nach 45 Minuten wurde das Experiment beendet. In diesem Zeitraum waren sechs Leute stehen geblieben, rund 20 hatten im Vorbeigehen achtlos einige Münzen in den Hut geworfen – die Gesamteinnahmen des Straßenmusikers beliefen sich auf rund 30 Dollar. Kurz darauf packte der junge Mann seine Geige wieder ein und verschwand.

Was niemand wusste: Bei dem ´Straßenmusiker´ handelte es sich um keinen anderen als um Joshua Bell, einen der größten Geiger unserer Zeit. Er spielte auf seiner Violine im Wert von 3,5 Millionen Dollar und hatte dieselben Bach-Sonaten am Abend zuvor in Boston vor ausverkauftem Haus gespielt -die Eintrittskarten zu durchschnittlich 100 Dollar. 

Die Fragen, die das Experiment aufwirft, sind einfach. Die Antworten auch:

Wird Schönheit im Alltag erkannt? – Nein.

Wird das Besondere wahrgenommen? – Nein.

Wird Talent erkannt? – Nein

Wie konnte Herr Yu davon ausgehen, dass der Kaiser, der Kaufmann oder der Bettler die Besonderheit seines erlesenen Goldfisches hätten erkennen müssen?

„Manches können wir nicht verstehen …“ Macht aber nichts. Bleibe gelassen. Und außerdem: Wer weiß schon, ob das, was du so besonders findest, es auch wirklich ist? Es ist nicht hilfreich, sich zu viel auf seine Leistung, sein Aussehen oder seinen Besitz einzubilden. Wenn du dem Besonderen zu viel Aufmerksamkeit schenkst, ist auch das nur eine Form von Anhaften, die dich letztlich ein bisschen weniger offen und ein bisschen weniger frei macht. Und mehr noch: Was dir besonders erscheint, scheint jemand anders vielleicht ganz langweilig und uninteressant. Welche Zeitverschwendung ist es daher, etwas Besonderes sein zu wollen, oder gar andere davon zu überzeugen zu wollen. Zumal du dir klarmachen solltest: Etwas Besondereres als dich gibt es ohnehin nicht, denn du bist einmalig im ganzen Universum!

(aus „Füttere den weißen Wolf“ von Ronald Schweppe/Aljoscha Lang – Kösel Verlag München)


Eder Kalif und der Flickschuster

Harum Al Raschid, der Kalif von Bagdad, liebte es, in Verkleidung durch die Straßen seiner Stadt zu gehen und zu hören, was die Nöte und Wünsche seines Volkes seien. Mal trug er das Gewand eines Bettlers, dann eines Kaufmanns, dann eines Schmiedes – doch nie war er erkannt worden und er war stolz darauf.

Nun aber hatte er etwas Besonderes im Sinne: Er suchte einen neuen Ratgeber, der weise und gütig war, und dem er vertrauen konnte. An seinem ganzen Hof hatte er so einen Mann nicht gefunden. Und nun war er in Verkleidung schon eine ganze Woche durch die Stadt gewandert und hatte mit Menschen aller Stände gesprochen – doch keiner dünkte ihn weise genug für diese Aufgabe.

Am Abend des siebten Tages folgte er einem Flickschuster und sprach ihn an. „Lebst du gut von deinem Gewerbe?“, fragte der Pilger.
„Oh ja, ich bin Flickschuster – und auch die besten Schuhe bedürfen einmal der Reparatur. Ich gehe früh jeden Morgen los und, bislang hat sich noch immer genug Arbeit gefunden.“

„Und was ist, wenn du morgen keine Arbeit findest?“

„Ach morgen“, lachte der Flickschuster. „Morgen kommt, und ich werde sehen, was es bringt. Gepriesen sie Allah.“

Der Pilger, der in Wahrheit der Kalif war, bedankte sich bei dem Mann uns schmunzelte. Der Mann war arm, aber er hatte das Herz auf dem rechten Fleck. Doch das redet sich leicht. Der Kalif beschloss, den Mann zu prüfen.

Am nächsten Morgen staunte der Flickschuster nicht schlecht. Überall in der Stadt stand angeschlagen, dass der Kalif die Flickschusterei in der Stadt verboten habe. Welch merkwürdige Einfälle der Kalif hat! Nun, dann werde ich eben Wasser tragen. Wasser brauchen die Menschen noch nötiger als Schuhe!

Am Abend traf er wieder auf den Pilger, der in Wahrheit der Kalif Harun Al-Raschid war. Der Kalif sprach: „Mein guter Mann, ich hatte Sorge um dich – hat nicht der Kalif die Flickschusterei verboten?“

„Oh ja, doch so trage ich nun Wasser und verdiene damit mein Brot.“

„Und was ist, wenn du morgen keine Arbeit findest?“

„Ach morgen“, lachte der Flickschuster. „Morgen kommt, und ich werde sehen, was es bringt. Gepriesen sie Allah.“

Am nächsten Morgen fand der frühere Flickschuster und jetzige Wasserträger, dass nur noch Wasserträger arbeiten durften, die eine besondere Erlaubnis des Kalifen hatten.

Welch merkwürdige Einfälle der Kalif hat! Nun, dann werde ich eben Holz verkaufen. Alte und Schwache brauche Holz zum Kochen, aber sind zu schwach, es zu hacken und zu sammeln. So werde ich Arbeit finden.

Am Abend traf er wieder auf den Pilger, der in Wahrheit der Kalif Al-Raschid war. Der Kalif sprach: „Mein guter Mann, ich hatte Sorge um dich – hat nicht der Kalif das Wassertrage verboten?“

„Oh ja, doch so hacke ich nun Holz und verdiene damit mein Brot.“

„Und was ist, wenn du morgen keine Arbeit findest?“

„Ach morgen“, lachte der Flickschuster. „Morgen kommt, und ich werde sehen, was es bringt. Gepriesen sie Allah.“

Am nächsten Morgen ging der ehemalige Flickschuster und Wasserträger und jetzige Holzhacker zeitig los; doch er kam nicht weit, da hielt ihn der Hauptmann der Wache an: „Hey du: Weißt du nicht, dass jeder, der eine Waffe trägt, einmal die Woche Dienst in der Palastwache tun muss?“ Damit nahm er ihm die Axt ab und gab ihm ein Schwert. „Heute Abend kommst du pünktlich zu Sonnenuntergang zum großen Tor des Palastes unseres Herrn Harun Al-Raschid.“

So stand der Flickschuster auf einmal mit einem Schwert da. Wie sollte er nun etwas zu essen verdienen? Er besann sich ein wenig, dann ging er zum Schmied und gab ihm das Schwert als Pfand für ein paar Münzen für sein Mahl. Daraufhin nahm er ein Stück Holz und schnitzte daraus ein Schwert, das genau in die Scheide passte.

Als er sich zu Sonnenuntergang am großen Palasttor einfand, grüßte ihn der Hauptmann. „Du kommst gerade recht. Ein Gefangener muss hingerichtet werden – und diese Aufgabe kommt immer dem neuesten Diensttuenden zu.“

Der Flickschuster wurde bleich. Er wollte keinen Menschen töten. Er bedachte sich kurz, dann warf er sich zu Boden und rief: „Oh Allah, wenn dieser Mensch den Tod verdient hat, so lass mein Schwert scharfer Stahl sein. Hat er den Tod aber nicht verdient, so lass mein Schwert aus Holz sein!“

Dann zog er sein hölzernes Schwert und alle Anwesenden staunten. Nur der weise Herrscher Harun Al-Raschid nicht, der endlich seinen neuen Ratgeber gefunden hatte.

Drei Eigenschaften sind es, die den Flickschuster vor der Macht des Negativen schützen:

1.   Vertrauen: Der Flickschuster sorgt sich nicht um die Zukunft. Er vertraut auf seine höhere Macht und darauf, dass sich schon immer etwas finden wird. Wer aber frei von Sorgen ist, der ist auch frei von Furcht und kann unbeschwert und gelassen leben.

2.   Flexibilität: Wenn ich keine Schuhe flicken kann, dann trage ich eben Wasser. Wenn ich kein Wasserträger mehr sein darf, dann hacke ich eben Holz. Der Flickschuster ist sehr einfallsreich. Er verhält sich wie ein Fluss: Sobald ein Hindernis auftaucht, fließt er einfach sanft daran vorbei und bleibt somit unbeschadet. So flexibel und anpassungsfähig zu sein, gelingt ihm aber nur, weil er keine inneren Widerstände gegen das Sein aufbaut. Er ist genügsam und lebt nach dem Grundsatz: „Das ist auch in Ordnung.“ Und diese Anspruchslosigkeit ist die Voraussetzung dafür, auch mit schwierigen Umständen kreativ und offen umgehen zu können.

3.   Güte: Am Ende der Geschichte nutzt der Flickschuster seinen Einfallsreichtum, um den Gefangenen nicht töten zu müssen. Der Trick mit dem Holzschwert ist natürlich großartig. Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass wir zur richtigen Zeit immer die richtige Idee haben, doch keine Sorge: Mitgefühl ist auch ohne Holzschwert eine wunderbare Sache, die dich wirkungsvoll davor schützt, dass der schwarze Wolf fett und mächtig wird.

 (aus „Füttere den weißen Wolf“ von Ronald Schweppe/Aljoscha Lang – Kösel Verlag München)

Tempora mutantur, et nos mutamur in illis.
(Die Zieten ändern sich u. wir uns in ihnen)  Kaiser Lother I